Stuttgart S 21: Warum es wichtig ist, dass die Gegner am Ball bleiben

Blick aus einer Unterführung auf den Stuttgarter Hauptbahnhof.
Blick aus einer Unterführung auf den Stuttgarter Hauptbahnhof. © Foto: dpa
MANUEL BOGNER 19.09.2013
Der Widerstand gegen Stuttgart 21 hat seine Massentauglichkeit verloren. Trotzdem ist es gut, dass die S-21-Gegner der Bahn genau auf die Finger schauen. Eine Analyse
 Am 23. September muss ein pensionierter Berufsschullehrer  seine Vierzimmerwohnung in der Sängerstraße in Stuttgart für immer verlassen. Damit die Bagger für Stuttgart 21 rollen können, muss das Haus weg, in dem die Wohnung des Lehrers liegt. 

Es ist eine weitere Niederlage für die Gegner von Stuttgart 21, denen die Symbole gegen das Projekt langsam ausgehen. Der Widerstand braucht Bilder, wie etwa die vom Abriss bedrohten Südflügel, gefällten Bäume im Schlossgarten oder Szenarien wie einen Tiefbahnhof, der bei Brand nicht evakuierbar ist. Doch der Südflügel ist weg, die Bäume sind gefallen und über den Brandschutz im Tiefbahnhof redet im Moment kaum jemand.
 
Das macht es den S-21-Gegner schwer, den Widerstand zu mobilisieren. Wer will mit Worten wie Finanzierungsverträgen oder Planfeststellungsabschnitten Leute auf die Straße locken? Dabei verbergen sich gerade hinter diesen juristischen Begriffen die größten Schwachstellen von Stuttgart 21. 
 
Sie offenbaren die wirklichen Mängel von Stuttgart 21, etwa Schlampereien bei der Planung. Aktuellstes Beispiel: Die Bahn kann nicht mit dem Aushub für den Tiefbahnhof beginnen, weil sie doppelt so viel Grundwasser entnehmen muss, wie ursprünglich geplant. Dafür fehlt die Planänderung. Das Resultat: Der Baubeginn verzögert sich, das Projekt wird teurer. Die Stuttgarter Zeitung schreckte am Dienstag mit der Meldung auf, dass sich die Fertigstellung des Bahnhofs um ein weiteres Jahr verzögert. 

Auch der Finanzierungsvertrag zwischen den Projektpartnern ist ein Geburtsfehler des geplanten Tiefbahnhofs. In ihm ist nicht vermerkt, wer zahlt, wenn es teurer wird. Dass es teurer wird, als ursprünglich geplant, ist inzwischen längst klar. Die Bahn wird diese Kosten zunächst übernehmen, doch die Bahn hat vom Aufsichtstrat auch den Auftrag bekommen, die Mehrkosten notfalls "zurückzuklagen". 

Diese Probleme werden die Bahn und alle Projektpartner bis zum Ende der Bauarbeiten begleiten, vielleicht sogar noch bis danach. Eine große Aufmerksamkeit werden diese Themen aber vermutlich nicht mehr erreichen. Viele Leute sind des Themas überdrüssig und wollen nichts mehr von Stuttgart 21 hören. Seit der Volksabstimmung ist große Interesse weg.

Trotzdem ist es gut, dass sich Projektgegner weiter mit dem Bahnhof beschäftigen, auch wenn sie viel weniger Aufmerksamkeit erhalten als noch zu Zeiten des "Schwarzen Donnerstags" oder der Volksabstimmung.  Dass Schwachstellen des Projekts aufgedeckt wurden, ist auch ein Verdienst der S-21-Gegner. Viele haben sich in mühsamer Kleinarbeit durch Planfeststellungsbeschlüsse gewühlt, Baupläne geprüft oder Prognosen der Bahn nachgerechnet. 

Gemeinsam mit dem Verkehrsministerium, kontrollieren sie die Bahn besser, als das der Aufsichtsrat des Unternehmens tut. Und eine gute Kontrolle sollte bei Stuttgart 21 das Mindeste sein - schließlich handelt es sich um eines der größten deutschen Infrastrukturprojekte, in dem auch Millionen Euro von Steuergeldern stecken.
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