Ravensburg Runter vom Gas: Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen

Auch in Ulm gilt schon seit Langem in der Karlstraße, der König-Wilhelm-Straße und der Zinglerstraße Tempo 30 - und zwar nachts, von 22 bis 6 Uhr.
Auch in Ulm gilt schon seit Langem in der Karlstraße, der König-Wilhelm-Straße und der Zinglerstraße Tempo 30 - und zwar nachts, von 22 bis 6 Uhr. © Foto: Lars Schwerdtfeger
dpa 02.05.2016
Die Anwohner freut es, doch so mancher Autofahrer ärgert sich: Im Südwesten gilt auf Ortsdurchfahrten zunehmend Tempo 30 - so auch in der Ulmer Karlstraße, der König-Wilhelm-Straße und der Zinglerstraße. Grund dafür ist oftmals der Lärmschutz. Aber bringt das überhaupt etwas?
Wer am späten Abend vom oberschwäbischen Ravensburg nach Meersburg an den Bodensee fahren will, braucht vor allem eines: Geduld. Auf der Bundesstraße 33 - einer der wichtigen Verkehrsadern der Region - gilt in mindestens vier Gemeinden an der Strecke Tempo 30. Auch auf dem Weg von Meersburg nach Friedrichshafen muss man die Geschwindigkeit auf zahlreichen Kilometern drosseln; zum Teil ganztägig, zum Teil ab 22 Uhr. Tempo 30 ist im Südwesten auf dem Vormarsch - und das längst nicht mehr nur auf Nebenstraßen.

Einer der Gründe dafür sei der Lärmschutz, heißt es beim Verkehrsministerium in Stuttgart. Der Verkehr auf den Straßen nehme zu - und die Lautstärke auch: "Nicht mehr zumutbar ist der Straßenverkehr in aller Regel dann, wenn die Beurteilungspegel für den Lärm bestimmte Richtwerte überschreiten." Bei fließendem Verkehr bringe Tempo 30 eine spürbare Abnahme des Lärms um bis zu drei Dezibel.

Innerhalb geschlossener Ortschaften gilt die Höchstgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern. Allerdings kann nach Angaben des Regierungspräsidiums Freiburg auf Hauptverkehrsstraßen - also auch Bundes-, Landes- und Kreisstraßen - Tempo 30 eingeführt werden. Etwa, wenn die Straße besonders eng, kurvenreich oder abschüssig ist. Oder in der Nähe von Krankenhäusern, Altenheimen oder Schulen. Auch zum Schutz vor Abgasen kann das Tempo 30 als Maßnahme eingesetzt werden.

Wie sehr die Zahl der Tempo-30-Zonen im Südwesten zugenommen hat, lässt sich nicht beziffern. Es gebe keine Übersicht darüber, sagte eine Ministeriumssprecherin. Die vor Ort zuständigen 150 Verkehrsbehörden im Land führten keine Statistik.

Eine Gemeinde, der das langsamere Tempo nach eigenen Angaben etwas gebracht hat, ist der Urlaubsort Hagnau am Bodensee. Durch das 1460-Einwohner-Örtchen fährt mit der B 31 eine der wichtigsten Strecken der Region. Bis zu 27.000 Fahrzeuge fahren mitten durch den Ort hindurch - jeden Tag. "Das sind 10.000 Fahrzeuge mehr als durch den Gotthard-Tunnel in der Schweiz", sagt Bürgermeister Volker Frede. "Erforderlich wäre dafür eine vierspurige Straße."

Das Grundproblem, dass die B 31 seit Jahren nicht leistungsfähig genug für den Verkehr sei, werde durch das Tempo 30 zwar nicht gelöst, sagt Frede. "Die Geschwindigkeitsbegrenzung sorgt aber zumindest dafür, dass das Leben mit der Straße ein klein wenig weniger belastend ist." Für die Autofahrer bedeute die Reduzierung der Geschwindigkeit einen Zeitverlust von nicht einmal 30 Sekunden.

Auch in Ulm gilt schon seit Langem in der Karlstraße, der König-Wilhelm-Straße und der Zinglerstraße Tempo 30 - und zwar nachts, von 22 bis 6 Uhr. "Hintergrund und Anlass ist immer der Lärmschutz", erklärt eine Stadtsprecherin. Das nächtliche Tempolimit sei auch in weiteren Hauptverkehrsadern der Stadt wie der Olgastraße geplant. In der Frauenstraße soll das Tempolimit bald 24 Stunden am Tag gelten. "Die Anwohner sehen es positiv", sagt sie. Die Tempo-30-Zonen seien ins Bewusstsein gerückt und würden größtenteils akzeptiert. Es gebe aber auch Ärger und einige Bürgerinitiativen gegen den Vormarsch der 30er-Zonen.

Die Gruppe "Verkehrsfluss statt Tempolimits - Freie Fahrt fürs Ländle" aus Nürtingen (Kreis Esslingen) etwa kämpft gegen die Begrenzungen. Vor Kindergärten und Schulen sei Tempo 30 "absolut angebracht", schreibt die Gruppe auf ihrer Internetseite. Allerdings dürfe der Sicherheitsanspruch nicht verallgemeinert werden: "Bei heutigen Fahrzeugen ist außerdem der Fußgängerschutz so ausgelegt, um bei einem Verkehrsunfall in der Stadt schwere Verletzungen zu verhindern."

Die Initiative bezweifelt zudem den Nutzen beim Thema Lärm- und Emissionsschutz: Die meisten Fahrzeuge hätten bei Tempo 30 einen höheren Verbrauch und damit auch höhere CO2-Emissionen als bei Tempo 50, heißt es etwa dazu.

Bürgermeister Frede ist dagegen vom Tempo 30 überzeugt: Der Verkehr fließe gleichmäßiger durch Hagnau. Anfangs hätten manche Autofahrer aber auf die Schilder "Lärmschutz" mit Hupen regiert. "Das muss man nicht verstehen", sagt Frede. "Und es zeigt auch, dass es richtig ist, mit eindeutigen Regelungen zu agieren und nicht auf Freiwilligkeit und Vernunft zu hoffen."