Das Kind auf dem Schoß, den Laptop auf dem Esstisch, das Handy am Ohr – so sieht derzeit der Alltag tausender Eltern im Land aus, nachdem wegen der Corona-Krise alle Kitas und Schulen zunächst bis 20. April geschlossen sind. Neben der Doppelbelastung plagen viele Familien zunehmend finanzielle Sorgen: Bei ihm in der Firma stehe Kurzarbeit an, klagt ein Vater aus Herrenberg im Kreis Böblingen, er werde also bald weniger Einkommen haben, gleichzeitig müsse er die Kita-Gebühren weiter bezahlen, obwohl sein Kind ja gar nicht betreut werde. 636 Euro kostet der Ganztagesplatz für seine zweijährige Tochter monatlich. „Das Geld könnten wir jetzt an anderer Stelle gut gebrauchen.“

Viele erließen die Kita-Gebühren – aber mit unterschiedlichen Regelungen

Mit seinem Anliegen hatten er und seine Frau sich bereits vergangene Woche an die Stadtverwaltung gewandt, die auch reagiert hat: Herrenberg ziehe die Gebühren für den März zunächst nicht ein, um die Familien in der aktuellen Situation zu entlasten, teilte die Stadt am Montagabend mit.

Immer mehr Kommunen verkündeten in den vergangenen Tagen, meist für April, ähnliche Lösungen, darunter Ulm, Karlsruhe, Tübingen und Stuttgart. Im Detail sind die Regelungen jedoch unterschiedlich. Manche erlassen die Gebühren nur unter Vorbehalt, andere schenken den Eltern einen Monat, manche beziehen freie Träger mit ein, andere wiederum nicht. Und wieder andere Kommunen scheuen sich bislang, die Gebühren überhaupt zu übernehmen.

Schluss mit dem Flickenteppich: Keine Gebühren im April

Mit dem Flickenteppich soll nun Schluss sein: Dienstagnachmittag verständigten sich Städte- und Gemeindetag und die vier Kirchen im Land auf eine gemeinsame Linie: Demnach sollen die Gebühren im April ausgesetzt werden. „Wir stellen fest, dass einige Kommunen in Baden-­Württemberg bereits entschieden haben, die Elternbeiträge und Kindergartengebühren für den Monat April zu erlassen“, sagte das geschäftsführende Vorstandsmitglied des Städtetags, Gudrun Heute-Bluhm. Städte- und Gemeindetag würden ihren Mitgliedern nun empfehlen, ebenso zu verfahren – oder zumindest bei Härtefällen die Gebühren zu stunden. Auch die Kirchen wollen in ihren Kitas im April keine Gebühren einziehen. Gemeindetagspräsident Roger Kehle wies aber darauf hin, dass die jeweilige Entscheidung vor Ort falle, keine Kommune sei rechtlich zu einem Verzicht gezwungen.

Forderung: Land soll sich an Ausfallgebühren beteiligen, faire Regelungen müssen sein

Wenn eine Kommune den Vorschlag übernehme, sollten auch die sonstigen freien Träger vor Ort mit einbezogen werden, empfiehlt Heute-Bluhm weiter. Das Land forderte sie – wie zuvor schon SPD-Fraktionschef Andreas Stoch und DGB-Landeschef Martin Kunzmann – auf, sich an den Ausfallkosten zu beteiligen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat bereits ein Entgegenkommen des Landes angedeutet.

Eine Gleichbehandlung aller Eltern und aller Träger sei geboten, findet auch Waltraud Weegmann, die Vorsitzende des Deutschen Kita-Verbands, der rund 50 private Kita-Träger vertritt. „Wir fordern Bund, Länder und Kommunen deshalb auf, zusammen faire Regelungen zu finden.“ Weeg­mann hat von Stuttgart aus das private Kita-Trägernetzwerk „Konzept-e“ aufgebaut. Heute gehören dazu mehr als 40 Einrichtungen, die sich vor allem in Baden-Württemberg befinden. Die Unternehmerin warnt vor drohenden Insolvenzen bei freien Trägern, sollten Hilfen ausbleiben.

Einige Eltern zahlen Kita-Gebühren schon nicht mehr

Juristisch gebe es ­verschiedene Auffassungen. „Wir gehen aber rein rechtlich davon aus, dass wir die Gebühren nur noch vier weitere Wochen einziehen könnten.“ Einige Eltern seien dem allerdings schon zuvorgekommen und hätten Einzugsermächtigungen gekündigt oder Beiträge zurückgefordert, berichtet Weegmann. Personal-, Sach- und Betriebskosten müssten aber weiter bezahlt werden.

In einem Appell hat sich die Geschäftsführerin vergangene Woche an die Eltern gewandt. Man bemühe sich derzeit auf allen Ebenen, um eine Erstattung der Kosten. Für eine Klärung brauche es aber Zeit. „Ich möchte Sie darum bitten, uns allen diesen zeitlichen Spielraum zu lassen“, heißt es in dem Schreiben.

Gleichzeitig arbeiten und Kinder betreuen: „Es ist eigentlich unmöglich“


Mit der Situation, zu arbeiten und gleichzeitig die Kinder zu betreuen, gehen Eltern ganz unterschiedlich um. „Unser Alltag ist spürbar entschleunigt, und – ganz ehrlich – das fühlt sich gar nicht so schlecht an“, sagt eine 42-jährige Mutter aus Stuttgart. Sie betreut die beiden vier und sieben Jahre alten Kinder derzeit, während ihr Mann im Homeoffice arbeitet. Dass der Papa jetzt täglich beim Mittagsessen mit am Tisch sitze, „finden auch alle ganz toll“. Zur Familienkasse kann die freie Journalistin derzeit allerdings wenig beitragen. Für ein, zwei Monate könne man das aber gut abfedern.

Den Job erledigen, anspruchsvolle Themen bearbeiten, Telefonkonferenzen abhalten und gleichzeitig dem fünfjährigen Sohn „so nebenbei“ ein Tagesprogramm bieten, sei eine ziemliche Herausforderung, findet derweil eine 41-jährige Mutter aus Reutlingen, die als Führungskraft im Personalwesen tätig ist. Für die Schließungen habe sie Verständnis, gleichwohl sei die Situation für Eltern außerordentlich schwierig. „Da kann man sich glücklich schätzen, wenn man sich mit dem anderen Elternteil abwechseln kann.“

Zu viert in einer Drei-Zimmer-Wohnung, Mama und Papa arbeiten Vollzeit, die Töchter, ein und fünf Jahre alt, wollen gleichzeitig betreut werden – diese Situation beschreibt eine andere Mutter aus Stuttgart. Alles parallel auf die Reihe zu kriegen, „ist eigentlich unmöglich“, sagt sie. Sie und ihr Mann hätten Jobs, in denen sie oft fremdbestimmt seien. Die Arbeitgeber hätten zwar Verständnis signalisiert, doch so wirklich sei das doch nicht da, sagt die Mutter. Statt des Hinweises, im Notfall eben Überstunden abzubauen, würde sie sich wünschen, dass ihr Arbeitgeber Eltern Stunden schenkt. dl