Serbien Balkan: Rückkehr ins Nichts

Senad Heljsani, seine Frau Hamisa und ihre Söhne: Die Roma mussten aus Schwäbisch Hall nach Serbien zurückkehren.
Senad Heljsani, seine Frau Hamisa und ihre Söhne: Die Roma mussten aus Schwäbisch Hall nach Serbien zurückkehren. © Foto: Harald John
Novi Sad / Harald John 19.04.2018
Ministerpräsident Kretschmann informiert sich in Serbien über die Situation der Roma und über den EU-Beitritt des Landes.

Senad Heljsani kann ein wenig Schwäbisch. „Ich habe im Wald geschafft“, sagt der heute 29-Jährige. 2015 war er mit seiner Frau Hamisa und seinem Sohn Salia über Karlsruhe nach Schwäbisch Hall gekommen, sein jüngerer Sohn Omer wurde auf der Alb geboren. Jetzt sitzt der Mann mit den muskulösen Oberarmen auf dem Sofa der Ökumenischen Hilfsorganisation am Rande von Novi Sad und berichtet von seiner Not.

Eines Morgens im April vergangenen Jahres habe die Polizei vor der Tür gestanden, die Familie wurde nach zwei Jahren Aufenthalt ausgewiesen. Schließlich gilt Serbien als sicheres Herkunftsland. „Allerdings weiß in Deutschland kaum jemand, wie sehr Roma in Serbien diskriminiert werden“, berichtet Robert Bu, der das Projekt „Re-Integration benachteiligter Familien, die aus Baden-Württemberg freiwillig in die Republik Serbien zurückgekehrt sind oder abgeschoben worden“ leitet. Viele Roma stünden in ihrer alten, neuen Heimat buchstäblich vor dem Nichts.

Die überwiegend freiwilligen Mitarbeiter der Anlaufstelle betreuen 69 Roma-Familien, also 371 Menschen, bei Behördengängen. Sie  besorgen Medikamenten und im Winter notfalls auch Brennholz. Das Projekt war eine Station der baden-württembergischen Delegation, die in dieser Woche mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf Besuchsreise durch Serbien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina ist. Mehr als 100 Vertreter aus Landespolitik, Wirtschaft, Kultur und Zivilgesellschaft begleiten den Ministerpräsidenten, dessen zentrale Themen die Erweiterung der EU und die Entwicklung des Donauraumes sind.

Wie der Rhein heute Deutschland und Frankreich nicht mehr trenne, sondern eine, so solle auch die Donau in Zukunft die Staaten des Balkans verbinden. Das sagte Kretschmann am Mittwoch bei einer Diskussion in der kroatischen Grenzstadt Vukovar. „In den Grenzregionen müssen wir den Menschen zeigen, dass Europa einen Mehrwert hat“, forderte Kretschmann auf Schloss Eltz.

Schon im Gespräch mit dem serbischen Staatspräsidenten Aleksandar Vucic hatte der Ministerpräsident zum Auftakt der Reise in Belgrad über einen möglichen Beitritt Serbiens in die EU gesprochen. „Wo dir die Tür geöffnet wird, da tritt ein“, zitierte Kretschmann ein serbisches Sprichwort. „Die EU hat die Tür geöffnet“, sagte Kretschmann.

Aber für einen Beitritt gebe es auch klare Kriterien. Als Beispiele nannte er die Rechtsstaatlichkeit, marktwirtschaftliche Reformen und Anstrengungen im Umweltschutz. Die Region des Westbalkans sei „eine der zerbrechlichsten in Europa“, habe aber eine geostrategische Bedeutung. „Der Balkan gehört zu Europa“, so Kretschmann. Und weiter: „Viele Serben leben in Baden-Württemberg, wir kennen Sie als fleißige Arbeiter, gute Demokraten und hervorragende Fußballer.“

Auf seiner Reise besuchte Kretschmann auch das Bosch-Werk bei Belgrad, in dem 1600 Mitarbeiter in drei Schichten Scheibenwischerblätter und -systeme produzieren. 71 Millionen Euro hat Bosch investiert, mittlerweile werden in der dualen Ausbildung 20 junge Menschen als Mechaniker und Elektroniker ausgebildet. Am Donnerstag setzt Kretschmann seinen Besuch in Zagreb fort, bevor die Reise morgen mit in Sarajevo endet.

Offizielle und inoffizielle Zahlen

148 000 Angehörige der Roma leben offiziell in Serbien, inoffizielle Quellen sprechen von bis zu 600 000. Rund 700 Roma-Siedlungen gibt es im Land, vor allem im Norden und Süden. Jede dritte Siedlung gilt als Slum, die Häuser haben weder Wasser- noch Stromanschluss.  jon

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