Singen / ROLAND MUSCHEL Die SPD bereitet ihrem Spitzenkandidaten Nils Schmid in Singen die Bühne für den beginnenden Wahlkampf. Der soll zur Fortsetzung der Koalition mit den Grünen führen - egal, wer dann vorne liegt.

Der frisch gekürte SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid sonnt sich noch im Applaus der Delegierten, da wird Gattin Tülay bereits vor der Kamera von einem Fernsehteam befragt. Wie sie das Ergebnis ihres Mann bewerte? Das sei "ein schöner Start". Ob sie vielleicht die Gattin des nächsten Ministerpräsidenten sei? "Das", sagt sie, "wird die Zukunft zeigen."

Singen, Landesparteitag der SPD. Rund 300 Delegierte sind gekommen, um sich auf die Landtagswahl in einem Jahr einzustimmen. "Baden-Württemberg ist bei der SPD in guten Händen", ruft Nils Schmid der Basis in seiner kämpferischen Nominierungsrede zu. Und dass die Genossen stolz auf das bereits Erreichte sein könnten: die Bildungsreformen, das Tariftreuegesetz, die Konsolidierung der Finanzen.

Das alles, beschwört er die Genossen, dürfe man sich nun nicht kaputtmachen lassen von einer CDU, die "alles" zurückdrehen wolle. Dieser "Verein verbitterter Männer" und ihr Spitzenkandidat Guido Wolf hätten kein Programm für die Zukunft. "Das einzige, was sein ,Rudel' antreibt, ist der Wille, zurück an die Fleischtöpfe der Macht zu gelangen." Dann, wettert Schmid weiter, würden die alten Verhältnisse wiederkehren: "Filz und Vetternwirtschaft", "Sipp- und Seilschaften".

Der 41-Jährige probt in Singen schon einmal den Sound für den Wahlkampf. Bei den Delegierten verfängt die Strategie, die Politik der SPD in größtmöglichen Kontrast zur CDU zu setzten und vor einer Rückkehr zu den alten Verhältnissen, einer "Restauration", zu warnen. Es ist eine eher linke, an die Parteiseele gerichtete Rede, in der Schmid seinen Einsatz für die Interessen der Wirtschaft, den er sonst auch gerne herausstreicht, nicht groß thematisiert.

Am Ende küren ihn 93,4 Prozent zum Spitzenkandidaten. "Die SPD will was reißen im Wahlkampf, das spürt man", freut sich Schmid über das Resultat. SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel spricht von einem "blendenden Auftakt", der SPD-Schulexperte Stefan Fulst-Blei sogar von einem "geilen Parteitag". Die Genossen ziehen geschlossen in den Wahlkampf - das ist die Botschaft, die sich Schmid und Co. von diesem Parteitag erhoffen.

Die Grünen erwähnt der Jurist in seiner Rede gar nicht. "Sie sind nicht unser Gegner, das ist die CDU", begründet Schmid die einseitige Fokussierung. Und in der Ministerpräsidentenfrage hält er sich so bedeckt wie seine Frau: Das, sagt er auf Nachfrage von Journalisten, entscheide der Wähler. Angesichts enger Umfragen, die die Grünen wenige Prozentpunkte vor der SPD und beide zusammen gleichauf mit der CDU einstufen, sieht er sich aber "quasi im Dreier-Rennen".

Zu den Punkten, bei denen sich der SPD-Spitzenkandidat zurückhält, äußern sich andere auf der Parteitagsbühne. Die Arbeit scheint hübsch aufgeteilt zu sein. Leise Kritik an den Grünen und ihrer "teils falsch verstandenen Wirtschaftsnähe" - bringt der Karlsruher OB und frühere Kultusstaatssekretär Frank Mentrup vor.

Den Anspruch auf Höheres formuliert die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele: "Wenn wir heute sagen ,wir können Ministerpräsident', liegen wir sicher richtig." Die glasklare Absage an eine mögliche Koalition mit der Union - offeriert Europaminister Peter Friedrich in der Manier des Generalsekretärs, der er auch schon war: "Eine Koalition mit der CDU kommt nicht in Frage."

Strobl: "Hochmut kommt vor dem Fall"

Reaktion CDU-Landeschef Thomas Strobl hält die Absage der SPD an eine mögliche Koalition mit der Union nach der Landtagswahl für unvorsichtig. "Ich bin nicht sicher, ob diese Arroganz beim Wähler gut ankommt", sagte Strobl. Für eine Partei, die in Umfragen bei gerade einmal 20 Prozent liege, sei eine solche Absage erstaunlich. "Hochmut kommt vor dem Fall." Es könne gut sein, dass die SPD diese Aussage 2016 wieder einsammeln müsse.

Ausgangslage Bei der Landtagswahl 2011 ist die SPD auf 23,1 Prozent gekommen; die Grünen erzielten 24,1 Prozent, die Christdemokraten 39 Prozent und die Liberalen 5,3 Prozent. Am 13. März 2016 ist wieder Wahl.