Umwelt Rotmilan: Gefahren im Blick behalten

Die Rotorblätter der Windräder stellen für den Rotmilan ein Gefahr dar.
Die Rotorblätter der Windräder stellen für den Rotmilan ein Gefahr dar. © Foto: Andrew Astbury/Shutterstock.com; McPHOTO/O. Schreiter
Mössingen / Madeleine Wegner 31.07.2018

Der Rotmilan stößt kurze Warnschreie aus. Daniel Schmidt-Rothmund hat das Tier mit einem ­Käscher eingefangen und packt nun das Tier mit der Hand, hält es im sogenannten „Blumenstrauß“-Griff. Der Jungvogel lässt sofort den Kopf hängen. „Sobald sie gefangen werden, stellen sie sich tot“, weiß der Leiter des Nabu-Vogelschutzzentrums in Mössingen (Kreis Tübingen).

In das Zentrum kam der junge Vogel Mitte Juni, nachdem er am Straßenrand bei Langenenslingen (Kreis Biberach) gefunden worden war. Verletzt war der Rotmilan zwar nicht, jedoch flugunfähig. Vermutlich war er aus dem elterlichen Nest gefallen, bevor er fliegen konnte. Das Nabu-Team in Mössingen hat den Vogel fast sechs Wochen lang großgezogen und entlässt ihn nun in die Freiheit. Von der Wiese aus startet der Rotmilan. Nach einem kurzen Orientierungsflug landet er auf einem Baum. „In den kommenden Tagen muss er seine neue Umgebung kennenlernen, damit er noch mehr zu Kräften kommt und erfolgreich jagen kann“, sagt Schmidt-Rothmund. Er geht davon aus, dass der Vogel in sein Heimatgebiet zurückkehren wird.

Mehr als 3000 Brutpaare

Mit mehr als 3000 Brutpaaren leben im Südwesten 15 Prozent des gesamtdeutschen Bestandes. Der Vogel kommt ausschließlich in Europa vor. Deutschland nimmt dabei eine besondere Rolle ein, weil hier 60 Prozent der Rotmilane überhaupt leben. In Baden-Württemberg wächst der Bestand leicht. Das ist auch ein Ergebnis vielfältiger Bemühungen. Dazu gehören beispielsweise die europaweiten Vorgaben zur Sicherung von Hochspannungsleitungen seit 2012. Auch das Verbot bestimmter Pestizide vor Jahrzehnten zeige Wirkung – und zwar für Greifvögel weltweit. „Wir müssen allerdings mit Argusaugen darauf schauen“, sagt Schmidt-Rothmund, „die Werte sind immer unterschwellig“.

In Baden-Württemberg finden Rotmilane durch die reich strukturierte Landschaft mit Feldern, Wiesen, Wäldern, Mittelgebirgen und beispielsweise Albtrauf gute natürliche Voraussetzungen und „Ideallebensräume“, sagt der Nabu-Landeschef Johannes Enssle. Am Rotmilan zeige sich aber auch, wie komplex Vogelschutz oft ist: Die Tiere brauchen neben ungestörten Brutplätzen in alten, hohen Bäumen eine reich strukturierte, benachbarte Feldflur zur Nahrungssuche. „Der Schlüssel zum erfolgreichen Artenschutz ist – wie für das Rebhuhn, die Feldlerche und für viele Insekten auch – eine vielfältige, naturverträgliche Landwirtschaft, am besten ohne chemische Pestizide und künstliche Düngemittel“, sagt Enssle.

Eine Gefahr für die Greifvögel mit dem charakteristischen gegabelten Schwanz lauere in Windenergie-Anlagen. „Die Rotorblätter drehen sich für die Vögel zu schnell und werden nicht rechtzeitig gesehen“, sagt der Ornithologe Schmidt-Rothmund. Für den Schutz des Rotmilans hat das Land das Konzept der Rotmilan-Dichtezentren ins Leben gerufen. In diesen Dichtezentren ist der Bau von Windenergie-Anlagen nur sehr eingeschränkt möglich. Doch nicht der Rotmilan sei Schuld daran, dass der Windenergie im Südwesten zurzeit der Aufwind fehle, er werde jedoch oft als Hinderungsgrund für den Ausbau ins Feld geführt wird. Die Verantwortung dafür liegt laut Nabu in Berlin, wo die  Rahmenbedingungen für den weiteren Windenergie-Ausbau verändert wurden.

Steckbrief

Vogelart Rotmilan (Milvus milvus)

Kennzeichen 65 Zentimeter groß. Flügelspannbreite bis zu 1,80 Meter. Elegant langflügelig, größer als Bussard. Rostrot-braun gefärbt.

Verbreitung Von Südschweden, Mitteleuropa bis Spanien. Weltbestand circa 23 000 Paare. 60 Prozent davon in Deutschland.

Wanderungen Kurzstreckenzieher bis Marokko. Auf Grund der Klimaerwärmung zunehmend auch in Mitteleuropa überwinternd.

Vorkommen Reich gegliederte Kulturlandschaft.

Nahrung Mäuse, Feldhamster, Vögel, Fische.

Brutzeit Von Mitte April an. Meist zwei bis drei Eier. Brutdauer etwa
33 Tage. Nestlingszeit bis acht
Wochen. dpa

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel