Stuttgart Rotmilan im Rotor

Stuttgart / MANUEL BOGNER 26.04.2012
Es gibt kaum Daten über Flugrouten von Vögeln im Südwesten. Durch Windräder können sie umkommen. Doch das Land treibt den Ausbau der Windkraft voran. Bleibt der Naturschutz auf der Strecke?

Der tote Vogel lag nur wenige Meter entfernt von dem Windrad auf einem Wanderweg in der Nähe der A6 bei Kirchberg (Kreis Schwäbisch Hall). Ein Passant entdeckte das Tier, einen Rotmilan, erschlagen vom Rotor der Windanlage. Der Spaziergänger meldete den Fund. In dem Protokoll aus Kirchberg steht: "Hörbarer Schlag und fliegende Federn, Kopf und Körper nebeneinander am Boden, Flügel fünf Meter daneben".

Das brandenburgische Landesamt für Umwelt sammelt all diese Daten. Die Behörde führt seit 2002 eine Datenbank, in der bundesweit tödliche Zusammenstöße von Vögeln und Fledermäusen mit Windkraftanlagen vermerkt sind.

Der tote Rotmilan in Kirchberg sei ein Zufallsfund gewesen, teilt das Amt mit. Seither sind keine Rotmilane aus Baden-Württemberg dazugekommen. Das hat wohl mehrere Gründe: Raubtiere wie der Fuchs entsorgen die Kadaver schnell. Außerdem gab es keine systematischen Suchen. "Wenn man nicht sucht, dann findet man auch nichts", sagt Jürgen Marx von der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg. Auf der Internetseite des Amts in Brandenburg heißt es: "Als sicher kann gelten, dass die Datenbank nur einen Bruchteil der tatsächlich verunglückten Tiere enthält."

Umweltverbände fordern das Land in einem Schreiben daher auf, "Wissenslücken schnellstmöglich zu schließen." Die ornithologische Gesellschaft Baden-Württemberg vermutet, dass es im Südwesten etwa 1000 Brutpaare des Rotmilans gibt, ein Zehntel des deutschen Bestandes.

Das Problem ist: Keiner weiß, wo genau sie brüten. Das ist nicht nur für die Tiere gefährlich, sondern auch für Investoren, Landbesitzer und Gemeinden heikel. Im Umkreis von 1000 Metern um einen Horst sind Windanlagen verboten. Ob das der Fall ist, klärt ein artenschutzrechtliches Gutachten, das bis zu 30 000 Euro kosten kann. Zeigt es, dass ein Rotmilan gefährdet ist, scheidet der Standort aus. Bereits 2005 kippte das Verwaltungsgericht Stuttgart den Bau zweier Anlagen, weil es den Lebensraum eines Rotmilans gefährdet sah.

Natürlich kennt man das Urteil auch im Umweltministerium. Trotzdem will Minister Franz Untersteller (Grüne) jedes Jahr etwa 100 neue Windräder in Baden-Württemberg. Um Überraschungen zu vermeiden, hat das Ministerium das Landesamt in Karlruhe beauftragt, Brutplätze von Rot- und Schwarzmilanen in windreichen Gebieten im Südwesten zu kartieren. "Erste Ergebnisse erwarten wir vor August", sagt ein Sprecher des Ministeriums.

Die Daten sollen eine Grundlage für die Planungen von Regionalverbänden und Gemeinden sein. Sobald das neue Landesplanungsgesetz in Kraft tritt, können sie Standorte ausweisen. Das war bislang den Regionalverbänden vorbehalten, die häufig blockierten.

Umweltverbände befürchten, dass in der Aufbruchstimmung Fakten geschaffen werden, bevor alle Daten zu Brutplätzen und Zugkorridoren bekannt sind. Martin Zorzi vom Nabu-Kreisverband Schwäbisch Hall sagt: "Man macht jetzt ,schnell, schnell, und wenn die Daten kommen, ist das Entsetzen groß."

Denn auch wenn für den Rotmilan bis zum Sommer erste Karten vorliegen sollen, für andere Tiere ist die Arbeit ungleich mühsamer. Andre Baumann, Vorsitzender des Nabu Baden-Württemberg sagt: "Bis wir die Daten aller Fledermausarten zusammenhaben, können fünf oder sechs Jahre vergehen."

Das stellt nicht nur ihn vor ein Dilemma. Auf der einen Seite wollen die Verbände den schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien, auf der anderen Seite fürchten sie, dass der Naturschutz auf der Strecke bleiben könnte. Baumann sagt: "Wie man den Ausbau der Windkraft umweltverträglich gestaltet, ist eine Eine-Million-Dollar-Frage."

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