Man traf sich auf einem abgelegenen Grillplatz. Auf dem Weg schwante Davut B. dann doch, dass es Ärger geben könnte. Er stellte sein Handy heimlich auf Aufnahme, als "Sicherheit", wie er jetzt vor dem Ulmer Landgericht aussagte. Es half nicht viel. Am Ende des Treffens mit dem Präsidenten der örtlichen Black Jackets hatte er zwei gebrochene Rippen - und ein kaputtes Handy obendrein. Weil er die "Ausstiegsgebühr" von 2700 Euro nicht bezahlen wollte. In dem Gerichtsverfahren sagen Zeugen nur sehr einsilbig aus, vieles bleibt im Ungefähren. Und doch gibt der Prozess einen der seltenen Einblicke in eine Szene, die der Polizei immer mehr Sorgen bereitet.

Gerade die Black Jackets geraten immer öfter in die Schlagzeilen. Die Bande mit den schwarzen Bomberjacken bezeichnet sich selbst als "die am schnellsten wachsende Gang in Deutschland". Doch die Expansion geht nicht ohne Reibereien und Gebietskämpfe ab. "Die Konfrontation mit etablierten regionalen Gruppierungen oder Konkurrenten wird nicht gescheut", heißt es in einer Einschätzung des baden-württembergischen Innenministeriums.

Am heftigsten sind die Kämpfe im Kreis Rottweil. Mit der rivalisierenden Türsteher-Gruppe "United Tribuns" geraten die Schwarzjacken dort immer wieder aneinander. Erst vor wenigen Tagen musste die Polizei eine Massenkeilerei, zu der sich über 100 Beteiligte zusammenrotteten, verhindern - und das nicht zum ersten Mal. Wegen eines Brandanschlags auf ein Tribuns-Clubheim in Deißlingen wurden im Januar sechs Black Jackets zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Wie die Polizei am Sonntag mitteilte, haben Beamte am Freitag ein Vereinsheim des Motorrad- und Rockerclubs "Red Devils" in Rottweil durchsucht und vorübergehend geschlossen. Auslöser war ein 50-Jähriger, der als hochrangiges Mitglied der "Red Devils" in Singen (Kreis Konstanz) gilt, er war am Freitag bei der Einreise aus der Schweiz mit fünf Gramm Kokain erwischt worden. In einem Hotelzimmer in Rottweil fanden die Ermittler weitere 30 Gramm Kokain, die bereits zum Verkauf vorbereitet waren, drei scharfe Pistolen, einen Revolver und ein Maschinengewehr mit 400 Schuss Munition. Da sich der Mann am Donnerstag in dem Clubheim in Rottweil aufgehalten hatte, geht die Polizei, davon aus, dass er als Drogen- und Waffenkurier für andere "Red Devils"-Mitglieder fungierte. Ein Haftrichter ordnete die Durchsuchung des Heims an. Am Freitagabend beschlagnahmten Spezialkräfte dort unter anderem Schlagwerkzeuge, Messer, einen PC und zwei Laptops. Die Polizei erteilte allen Anwesenden Platzverweise für die Stadt Rottweil.

Nach mehreren brutalen Überfällen in Stuttgart und Esslingen wurden 21 Mitglieder des örtlichen Chapters der "United Tribuns" wegen versuchten Mordes angeklagt. Der Mammut-Prozess läuft seit dem März 2010, die Urteile sollen im Sommer gefällt werden, wie ein Sprecher des Landgerichts sagt.

In Heidelberg wurde ein Black-Jackets-Präsident im Dezember 2011 wegen Drogenhandels, Diebstahls und illegaler Waffengeschäfte zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Laut Innenministerium geht es in den Revierkämpfen um die typischen "Geschäftsfelder" im Drogenhandel sowie im Rotlicht- und Sicherheitsgewerbe. Dennoch seien die Verhältnisse untereinander mitunter recht komplex - mancherorts gebe es auch lokale Bündnisse.

Während Banden wie die Black Jackets und die "United Tribuns" relativ neu in der Szene sind, hat die Polizei auch die "etablierten" Rockergruppen wieder stärker im Visier. Deren Bekämpfung sei derzeit "ein polizeilicher Schwerpunkt", heißt es im Innenministerium. Seit 2010 sieht das Bundeskriminalamt die Rocker bei der Organisierten Kriminalität massiv auf dem Vormarsch. Bundesweit gab es zuletzt mehrere Vereinsverbote, im Juni 2011 war das Pforzheimer Hells-Angels-Chapter an der Reihe. Ob der Bann von Landesinnenminister Reinhold Gall (SPD) Bestand hat, ist aber offen, die Angels wehren sich juristisch.

Das Image, das sich die Gruppen selbst in der Öffentlichkeit geben, widerspricht dem Bild der Sicherheitsbehörden vollständig. Auf Internet-Seiten betonen sie Werte wie Ehre und Kameradschaft. In Interviews mit Biker-Magazinen geben sich etwa die Black Jackets als verschworene Multikulti-Truppe, in der man über alle Nationen hinweg zusammenhalte. Motto: "Forever friends", Freunde für immer. Auch die Polizei spricht davon, dass es in allen Gruppen Chapter gebe, die noch nie auffällig geworden seien.

Kriminologen halten den engen Zusammenhang zwischen Rockern und Organisierter Kriminalität ohnehin für fraglich - und sprechen eher von einer "gewaltbereiten Subkultur". So seien "Rockerkriege" oft nicht als Kampf um lukrative kriminelle Fleischtöpfe zu werten - sondern als Streitigkeiten, in denen es um krude Ideen von "Ehrverletzung" und "Anerkennung" gehe. Letztere erlange man in der Szene vor allem durch eines: teils exzessive Gewalt. "Eine kriminelle Ausrichtung im Sinne einer Spezialisierung auf Waffen- und Drogenhandel", schreibt der Passauer Kriminologe Florian Albrecht, könne "nicht belegt" werden. "Es gibt nur sehr wenige Studien zur Rockerkriminalität", sagt Jörg Kinzig, Tübinger Kriminologieprofessor und Experte für Organisierte Kriminalität. Die Frage etwa, ob die Rockerbanden als Ganzes kriminell seien - oder eben nur einzelne Mitglieder -, könne man seriös nicht beantworten.

Wie weit es mit der "ewigen Freundschaft" her ist, wenn man zur Polizei geht, merkte Davut B. aber im Ulmer Gerichtssaal recht schnell: Sein ehemaliger "Präsident" würdigte ihn keines Blickes.