Sie kamen ohne ihre Kutten nach Karlsruhe und brausten mit ihnen davon: Im Kampf um Club-Embleme wie den Mexikaner mit Säbel der Bandidos oder den geflügelten Totenkopf der Hells Angels haben Rocker einen Sieg errungen - vorerst. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) von Donnerstag ist das Tragen der Lederwesten mit Aufnähern nicht strafbar, selbst wenn einzelne Ortsgruppen des Clubs verboten sind. Grund ist eine Lücke im Vereinsgesetz: Bisher reicht das Hinzufügen eines Ortszusatzes aus, um sich von einem verbotenen Verein abzugrenzen.

Kurzfristig ist das Urteil ein Erfolg für die Rocker in Deutschland und ein Schlag für die Sicherheitsbehörden der Länder. Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD) etwa predigt stets "null Toleranz" gegenüber der Rockergewalt. Das Kuttenverbot ist daher mehr als nur eine Frage des Dresscodes. Für die Polizei steht die Rockerweste mit ihren oft martialischen Symbolen als Symbol der Einschüchterung. Wenn Rocker geballt mit ihren schweren Maschinen durch Orte dröhnen, können sie Unbehagen und Angst verbreiten.

Zumal es sich bei einigen Clubs nicht um Biker handelt, "die sich am Wochenende auf ihren Maschinen frischen Wind um die Nase wehen lassen wollen", so die Gewerkschaft der Polizei (GdP). Rocker werden wiederholt mit Gewalt, Schutzgelderpressung, Drogen, Waffenhandel und Prostitution in Verbindung gebracht. "Ihre Kutten setzen sie massiv zur Einschüchterung ein", sagt der stellvertretende GdP-Bundesvorsitzende Jörg Radek.

Die Rocker sehen sich dagegen zu Unrecht kriminalisiert. Auch ist die Kutte für sie nicht irgendeine Lederweste. Sie zeigt den Status in der Gruppe an, wird als Teil der Identität, als Symbol der Ehre gesehen. Bei Bandenkriegen gilt es als besondere Schmach, wenn ein Gegner dem anderen die Kutte abnimmt.

Von solcher Zwietracht war am Donnerstag vor dem BGH nichts zu spüren: Im Kampf um die Kutte standen vor dem höchsten deutschen Strafgericht rund zwei Dutzend Rocker verschiedener Clubs einträchtig zusammen. Unter den Männern - viele tätowiert, mit Bart und Sonnenbrille - waren auch Führungsleute der drei größten Rockerclubs Hells Angels, Gremium MC und Bandidos. "Das geht alle Motorradclubs an", sagte ein Sprecher der Bandidos.

"Die Innenminister scheitern mit dem Kuttenverbot", freuten sich Hells Angels aus Stuttgart nach dem Richterspruch. Die Innenbehörden verharrten zunächst in einer Art Schockstarre. Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) will nun "genau auswerten und prüfen, wo es nach dem Urteil weiter möglich ist, Rockersymbole zu verbieten". Auch Gall will weiter "alle rechtlichen Möglichkeiten" nutzen.

Denn einfach hat es der BGH den Rockern nicht gemacht. Der Vorsitzende Richter Jörg-Peter Becker spricht im Ergebnis von einem "Unentschieden". Zwar könne es "keine Strafe ohne Gesetz" geben. Die monierte Lücke im Vereinsgesetz kann aber geschlossen werden. Ohnehin können Behörden die Kutte untersagen und beschlagnahmen. Etwa, wenn die Ziele eines Ortsvereins mit denen eines verbotenen Chapters übereinstimmen.

Auch der Bandidos-Vertreter spricht nur von einem "vorläufigen Sieg": "Und es ist ganz sicher nicht das letzte Kapitel in der Geschichte der Motorradkluft." Doch könnten die Rocker auch weitere juristische "Baustellen" aufreißen, sagt Lutz Schelhorn, Präsident der Stuttgarter Hells Angels. Er wolle nun juristische Schritte gegen das vom Land verfügte Waffenbesitzverbot für Rocker prüfen lassen.

Hells Angels, Bandidos und Co.

Größte Dichte In Baden-Württemberg gibt es 86 Niederlassungen von Rockergruppen und rockerähnlichen Gruppen. Insgesamt geht das Innenministerium von 2400 Mitgliedern aus. Der Südwesten habe damit im Vergleich der Bundesländer die größte "Rockerdichte" bundesweit.

Vier vorn Die meisten Rocker zählen sich den vier großen Gruppen Bandidos, Gremium Motorcycle Club, Hells Angels und Outlaws zugehörig.

Überall aktiv Rockerähnliche wie die United Tribuns oder die Black Jackets haben knapp 500 Mitglieder. Die Clubs sind fast über den ganzen Südwesten verteilt. Schwerpunkte gibt es um Stuttgart, Ulm, Aalen, Schwäbisch Gmünd, Villingen-Schwenningen und auch am Bodensee.

Strenge Regeln Rockergruppen haben einen hierarchischen Aufbau und leben nach strengen Regeln. Sie sind überwiegend in Motorradclubs organisiert.

Hohe Dunkelziffer Zusammengehörigkeit demonstrieren die Gruppen durch das Tragen von Kutten oder Abzeichen. Das Landeskriminalamt zählt im Jahr rund 80 Strafverfahren gegen Rocker. Allerdings sei von einer deutlich höheren Dunkelziffer auszugehen, sagt das LKA.

Illegale Geschäfte Drogen-, Waffen- und Menschenhandel wird betrieben. Rockergruppen sind nach Einschätzung der Polizei oft gewalttätig.