Stuttgart / Axel Habermehl

Thomas Riecke-Baulecke ist der Mann, der für Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) die Schulaufsicht umkrempeln soll. Sie hat ihn Schleswig-Holstein abgeworben, um das gerade neu gegründete „Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung“ (ZSL) zu leiten.

Was kann Baden-Württemberg von Schleswig-Holstein lernen?

Thomas Riecke-Baulecke: Wir können viel voneinander lernen. Beispielsweise haben wir gerade ein neues Orthografie-Projekt der beiden Länder und Hamburg auf den Weg gebracht. Unter wissenschaftlicher Begleitung wollen wir, vor allem durch Web-basierte Lehrerfortbildungen, Basiskompetenzen im Bereich der Grundschulen stärken. Es geht um gemeinsame Erfahrungen, nicht um Vor- und Nachmachen.

Für ihr „Qualitätskonzept“ orientiert sich die Landesregierung erklärtermaßen an Kieler Reformen, die Sie ab 2003 mit umgesetzt haben.

Ich wurde damals Direktor eines neuen Instituts, um die Aus- und Fortbildung der Lehrer neu aufzubauen. Dieser Prozess hat vier bis fünf Jahre gedauert, inzwischen trägt er Früchte. Das Wichtigste, was man daraus lernen kann: Strukturdiskussionen dürfen nie Selbstzweck sein. Es geht darum, Lehrer und Schulen zu unterstützen.

Wie das?

Es gibt ja ein gutes Fundament. Jetzt geht es darum, Kräfte zu bündeln und stärker auf das Thema Unterrichtsqualität zu fokussieren. Darum muss sich alles drehen. Qualität zeigt sich im jeweiligen Fachunterricht. Das heißt für das ZSL, wir müssen schnell Impulse zur Weiterentwicklung des Fachunterrichts liefern.

Was macht guten Unterricht aus?

Forschungsergebnisse der letzten Jahre haben mit einigen Vorurteilen aufgeräumt. Beispielsweise ist Methodenvielfalt wichtig, aber nicht entscheidend. Entscheidend ist kognitive Aktivierung. Aufgaben müssen so gestellt sein, dass Schüler maximal herausgefordert werden. Entscheidend ist auch konstruktive Unterstützung, gutes Feedback und eine klare, störungspräventive Klassenführung.

In Vergleichsstudien sind Leistungen baden-württembergischer Schüler abgesackt. Wann können Eltern mit Verbesserungen rechnen?

Kein Bundesland beschäftigt sich so intensiv mit der Qualitätsfrage wie Baden-Württemberg. Ich gehe fest davon aus, dass diese Bereitschaft mit einem Ruck verbunden sein wird und wir in absehbarer Zeit Trends erkennen können. Aber wann das im IQB-Bildungstrend messbar sein wird, da bin ich mit Vorhersagen vorsichtig. Baden-Württemberg ist das Land, das die größten Veränderungen der Schülerschaft bewältigen muss. Knapp 50 Prozent haben einen schwierigen Sprachhintergrund, da liegen wir in der Nähe von Berlin. Deshalb sind im Bereich Basiskompetenzen besondere Anstrengungen nötig.

Wie lange hat es in Schleswig-­Holstein gedauert?

Die großen Reformen haben wir 2003 bis 2008 durchgeführt. Im Jahr 2009 gab es einen IQB-­Bildungstrend, der war eher eine Bestandsaufnahme. 2015 lagen wir dann in allen rezeptiven ­Kompetenzbereichen unter den ersten drei Ländern, zweimal sogar vor Bayern, was uns sehr stolz gemacht hat. Aber man braucht einen langen Atem.

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