Die schlechte Nachricht: Fast die Hälfte der Landesstraßen ist in einem sanierungsbedürftigen Zustand, sagte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) gestern auf einer Straßenbaukonferenz mit Kommunal- und Regionalpolitikern. Aber es gibt auch eine gute: Alte Fahrbahnbeläge können abgefräst und zu neun Zehnteln wiederverwendet werden. Dieses sogenannte Maximalrecycling wird von diesem Jahr an zur Regel.

Bereits seit 2012 werden zwei unterschiedliche Methoden auf Pilotstrecken entwickelt. Zum einen die "Variante 50/75", bei der die drei Schichten einer Straßendecke unterschiedlich viel Altmaterial enthalten. In der Tragschicht finden sich maximal 75 Prozent alter Belag, in den beiden oberen Schichten, der Binderschicht und der Fahrbahndecke bis zur Hälfte. Die zweite Methode, das "Maximalrecycling 90", geht sogar noch weiter. Dabei wird dem alten, schichtweise abgefrästen Material eine minimale Menge (weniger als ein Prozent) "Verjüngungsmittel" beigemischt, sogenannte Rejuvenatoren. Die bestehen aus Öl, das die Masse wieder weich macht und Wachs, dass die Verdichtung erhöht. Damit ist am Ende ein Anteil alten Asphalts von 90 Prozent möglich. Entscheidend ist dabei die Qualität des Bindemittels, das mit der Zeit spröder wird. Dann bilden sich Risse, in die Wasser eindringt und die dann bei Frost zu Schlaglöchern aufplatzen. Weil es an langjährigen Erfahrungen fehlt, wurden die Gewährleistungsfristen für sanierte Straßen zunächst abgesenkt - von fünf auf zweieinhalb Jahre. Während die Baufirmen für eine konventionell sanierte Straße bis zu fünf Jahre haften müssen, halbierten sich die Fristen bei den neuen Verfahren auf längstens zweieinhalb Jahre.

Seit mehr als 30 Jahren wird unter anderem in Hamburg mit altem Asphalt experimentiert, in Rheinland-Pfalz auch auf Autobahnen. Die ersten Erfahrungen im Südwesten waren positiv, im vergangenen Jahr wurden 24 Straßenabschnitte nach den neuen Verfahren saniert. Jetzt gelten sie deshalb bei der Reparatur von Landesstraßen als Regelbauweise. Das öffnet den Markt und stützt die Straßenbaufirmen.

Rund zwei Dutzend Mischanlagen sind im Land verteilt, die nach den neuen Verfahren bereits arbeiten können, kräftige Investitionen in die Technik waren notwendig. Die Straßenbauverwaltung geht davon aus, dass die neuen Verfahren auch günstigere Preise bringen. Insgesamt fallen im Land rund zwölf Millionen Tonnen Bauschutt und Straßenbelag pro Jahr an, vier Fünftel werden aufbereitet.

Weil Straßen und Brücken im Südwesten in die Jahre kommen und durch den Güterverkehr zunehmend belastet werden, sieht Minister Hermann großen Handlungsbedarf. "Wo früher höchstens 12-Tonner fuhren, donnern heute bis zu 40-Tonner über die Straßen", sagte er. Das hinterlässt Spuren: Fast fünf Prozent aller Autobahnbrücken im Land fallen in die Kategorie ungenügend, nahezu ein Viertel sind nicht ausreichend; 20 Prozent der Bundesautobahnen, 38 Prozent der Bundesstraßen und 49 Prozent der Landesstraßen werden als schlecht oder sehr schlecht bewertet. Die schlechteste Straße auf der Dringlichkeitsliste des Ministeriums ist die B311 im Regierungsbezirk Freiburg.

Die Verkehrssicherheit leide unter dem mangelhaften Zustand wegen häufiger Prüfungen aber nicht, sagte Verkehrsstaatssekretärin Gisela Splett (Grüne). Insgesamt gibt es in Baden-Württemberg rund 9250 Brücken, davon rund 2000 auf Bundesautobahnen, 4000 auf Bundesfernstraßen und fast 3200 auf Landesstraßen. Das Netz von Bundesautobahnen, Bundes- und Landesstraßen umfasst 15 350 Kilometer. Zu bestimmten Stichtagen prüfen Messfahrzeuge im normalen Verkehr die Oberflächen und den Unterbau der Straßen. Die Ergebnisse werden durch Erkenntnisse der Regierungspräsidien ergänzt.

Grün-Rot hat nach dem Motto "sanieren statt planieren" die Mittel für Erhalt von Landesstraßen in den vergangenen fünf Jahren auf 120 Millionen Euro nahezu verdoppelt; davon dienen 20 Millionen Euro der Ertüchtigung von Brücken, um sie höheren Belastungen anzupassen.

In diesem Jahr werden für den Erhalt der Bundesfernstraßen 335 Millionen Euro ausgegeben, davon 80 Millionen für Brücken. Damit erreichten die Erhaltungsmittel eine Rekordsumme, sagte Hermann. Insgesamt umfasst das Sanierungsprogramm in einer ersten Tranche rund 400 Maßnahmen, davon 140 für Brücken. Hinzu kommen in 15 Fällen Lärmschutzwände oder -wälle. Hermann betonte: "Was früher der Spatenstich für einen Neubau war, ist heute der Startschuss für die Sanierung." Zum Paradigmenwechsel gehöre auch das ausreichende Personal in der Straßenbauverwaltung.

Nach Überzeugung von Hermann ist die Sanierung von Brücken vordringlich, weil sie als "Achilles-Fersen des Systems" für Verkehrsprobleme sorgen können. Besondere Kopfzerbrechen bereitet ihm der Ersatzbau für die Neckartalquerung auf der A6 bei Heilbronn, für den der Bund auf eine öffentlich-private Partnerschaft dringe. Diese Finanzierungsform werde das Projekt verzögern und verteuern. Als Beispiel für eine Brücke mit hohem "Betreuungsbedarf" nannte Splett die Sperbersbachbrücke auf der B19 in Untermünkheim (Kreis Schwäbisch Hall). Diese müsse nach jedem Starkregen auf ihre Stabilität untersucht werden.

Das Straßennetz

Das baden-württembergische Straßennetz ist mehr als 27.000 Kilometer lang. Es gliedert sich auf in

Bundesautobahnen: 1040 Kilometer

Bundesstraßen: 4370 Kilometer

Landesstraßen: 9940 Kilometer

Kreisstraßen: 12.080 Kilometer