Vor kurzem hat hier ein Kranz gelegen. Wo nun das Dutzend Stadtspaziergänger mit Jacke und Schirm im Rund steht, kam am 7. April 1977 der Mercedes von Generalbundesanwalt Siegfried Buback zum Stehen. Die Scheibe eingeschossen, die drei Insassen, darunter der oberste Terroristen-Jäger, tödlich getroffen vom RAF-Kommando "Ulrike Meinhof".

"Das ist irgendwie unwirklich", sagt Stefanie Schanter. Die 32-Jährige ist Teilnehmerin des Seminars der Landeszentrale für Politische Bildung, das zu Fuß Karlsruhe erkundet. Die Gruppe besucht Stationen, die mit RAF-Geschichte verknüpft sind. Die Stuttgarterin hat aus purem Interesse den Prozess gegen Verena Becker verfolgt. Sie kennt den Fall, sie kennt die Bücher - nun will sie die Orte sehen.

Es hat etwas Skurriles, mit Dozentin Jessica Schöllhorn von Ort zu Ort zu ziehen. Keine Gruseltour für Terror-Touristen, sondern politische Bildung. In einem Einführungsvortrag ging es geballt um Geschichte und Hintergründe: Wie hat die RAF die politische Landschaft verändert? Welchen Folgen hatte die Jagd nach den Tätern auf die Republik? Man kann viel lesen über den "Deutschen Herbst". Steht man aber im Regen an dieser Kreuzung, wird klar, wie die Brutalität an diesem banalen Ort gewirkt hat. "Es war wie eine Hinrichtung", sagt Schöllhorn. Ein Mord, der allen Bundesrichtern und -ermittlern physisch nahe kam. Karlsruhe, Stadt des Rechts, wo das Grundgesetz gehütet wird: Ausgerechnet dort stellte sich Belagerungszustand ein.

Zwei Ecken weiter: Das Bundesverfassungsgericht. Dort muss man die Schüsse auf Buback gehört haben. Hier, im Zentrum der "Karlsruher Republik", verhandelten die Richter wenig später einen kniffligen Fall. Am 16. Oktober tagte das Gericht über einen Antrag der Familie des entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer: Das Gericht sollte die Regierung zwingen, Schleyer und die Passagiere der gekaperten Lufthansa-Maschine "Landshut" mit RAF-Häftlingen auszutauschen. Verfassungsrichter Ernst Benda gestand später, das Gericht hätte die Entscheidung auf Bitten der Regierung verschleppt. Es wartete das Geschehen im Jemen ab, wo die "Landshut" gelandet war. Erst, als sie nach Mogadischu weiter flog, ohne dass Spezialkräfte sie gestürmt hatten, verkündete Benda das Urteil. Das Gericht hatte auf Drängen hin ein Urteil verbummelt. Für Benda ging das an "die Grenzen des Grundgesetzes". Für andere ging es darüber hinaus.

Weiter zur Stadtkirche: Dort gab es nach dem Mord an Buback einen Trauergottesdienst. Ringsum gibt es etliche Orte mit RAF-Bezügen. Günter Sonnenberg etwa, der das Motorrad für den Buback-Mord gemietet hatte, wurde in Karlsruhe geboren. Er lebte in den 70ern mit den späteren Komplizen Adelheid Schulz, Knut Folkerts und Christian Klar in einer WG. Konspirative Wohnungen und Behörden, Gerichte dicht beieinander. Die RAF setzt hier ihr Konzept "Stadtguerilla" um: In der Klosestraße versuchte sie 1972, per Autobombe Bundesrichter Wolfgang Buddenberg zu töten. "An diesem Tag steigt aber seine Frau allein ins Auto", sagt Schöllhorn. Diese überlebte schwer verletzt.

Am Ende der Tour geht es in die Blumenstraße: Dort hatte die RAF 1977 eine Wohnung gekapert, um eine mit 42 Raketen bestückte "Stalinorgel" zu montieren. Diese sollte das Haus gegenüber beschießen: die Bundesanwaltschaft. Peter-Jürgen Boock gab an, die Vorrichtung absichtlich nicht scharf gestellt zu haben. Viele bezweifeln das.

Die RAF hat Staatsschutz und Recht geprägt - beides wird in Karlsruhe gehegt und praktiziert. Etwa Paragraph 129a Strafgesetzbuch, der seit 1976 die "Bildung terroristischer Vereinigungen verbietet. Oder die "Rasterfahndung" des Bundeskriminalamts. Oder das neue Gerichtsverfassungs-Gesetz von 1977.

Spuren der "bleiernen Zeit" - auch in der Stadt: Das Eckgebäude in der Blumenstraße ist noch immer die Bundesanwaltschaft. Dicke Scheiben: Wo man sie zum Lüften öffnet, ist davor Panzerglas montiert. Eine Festung. Der Terrorismus hat eine Stadt verändert. Doch trotz aller Gewalt: Die "Karlsruher Republik" besteht weiter. Bis heute.

Taten im Südwesten