Prozess Prozess: Lebenslange Haft für Baby-Mörderin

Die 23-jährige Angeklagte im Ravensburger Gericht.
Die 23-jährige Angeklagte im Ravensburger Gericht. © Foto: dpa
Fabian Schäfer 09.01.2018
Das Landgericht Ravensburg verurteilt eine 23-Jährige, die ihr Neugeborenes getötet hat. Die Staatsanwaltschaft spricht von „Entsorgungsmentalität“.

Als der Vorsitzende Richter am Landgericht Ravensburg das Urteil aussprach, schloss die junge Frau auf der Anklagebank einmal kurz die Augen. Ansonsten verriet sie mit keiner Miene, was in ihr vorging. Auch während der Begründung für die lebenslange Haftstrafe veränderte sich ihr Gesichtsausdruck nicht. Selbst als der  Richter von der „elenden, grausamen Weise“ sprach, auf die das Neugeborene ums Leben gekommen war. Schon während des gesamten letzten Verhandlungstages hatte die 23-Jährige beinahe ausnahmslos schweigsam und ins Leere gestarrt. Erst nach den Plädoyers meldete sie sich kurz zu Wort: „Es tut mir unheimlich leid und wenn ich könnte, würde ich es rückgängig machen. Nicht für mich, sondern für meine Tochter.“

Der gelernten Versicherungskauffrau wurde vorgeworfen, Ende Mai des vergangenen Jahres ihrem Neugeborenes kurz nach der Geburt ein Stück Küchenrolle in den Mund gestopft und es dann zurückgelassen zu haben. Das Mädchen erstickte nach minutenlangem Überlebenskampf an dem „Pfropfen“, wie es der Richter bezeichnete.

Die Schwangerschaft hatte die junge Frau bis zuletzt geheimgehalten, sowohl vor ihrer Familie, als auch vor ihrem Verlobten, der sie – wie sie fürchtete – wegen des Kindes verlassen würde. Selbst als es für ihr Umfeld offensichtlich war, leugnete die Angeklagte ihren Zustand.

Zur Welt brachte die Frau das Kind auf der Rückfahrt von einem Ausflug, auf einem Gehöft in der Nähe von Mengen (Kreis Sigmaringen). Danach säuberte sie sich und fuhr mit drei Freunden, die von der Geburt nichts mitbekommen hatten, nach Hause. Das sterbende Kind blieb neben der Straße liegen.

Der fünfte Verhandlungstag begann  mit der Verlesung zweier Briefe der Angeklagten, die diese an ihre Eltern beziehungsweise ihren Verlobten geschrieben hatte. Sie sei sich während der Tat „wie ein vollkommen anderer Mensch“ vorgekommen, schrieb die 23-Jährige. Den Abschluss der Beweisaufnahme bildete der Bericht des psychologischen Gutachters. Ausführlich berichtete der Experte von einem traumatischen Erlebnis im Leben der jungen Frau, die bereits mit 17 Jahren einmal schwanger gewesen war. Als sie dies ihrem damaligen Partner mitteilte, wurde dieser aggressiv, schlug und trat sie in den Bauch. Daher verlor sie das Kind.

Trotz dieses Erlebnisses konnte der Gutachter weder eine Persönlichkeitsstörung, noch eine posttraumatische Belastungsstörung oder eine andere psychische Erkrankung bei der Angeklagten feststellen. Er beschrieb die Beschuldigte als tough und beschied ihr ein stabiles Umfeld seit Kindestagen.

Die klaren Handlungen nach der Geburt, mit dem Ziel, Schwangerschaft und Kind geheim zu halten, zeigten laut Gutachter auch, dass die Beschuldigte zum Tatzeitpunkt voll zurechnungsfähig war. Eine Verminderung oder gar Aufhebung der Schuldfähigkeit sei daher klar zu verneinen.

Die Staatsanwaltschaft plädierte auf eine lebenslange Haft wegen Mordes. Er sprach von einer erschreckenden Entsorgungsmentalität. „Sie ist danach nach Hause gefahren und hat nach eigenen Angaben sehr gut geschlafen“, berichtete der Anklagevertreter. Die Tat sei aus niederen Beweggründen und aus „besonders krasser Selbstsucht“ begangenen worden. Die Beschuldigte habe ihr „neues Leben“ mit ihrem Partner nicht gefährden wollen.

Die Verteidigerin der 23-Jährigen stellte die junge Frau als Opfer der Situation dar. Die Hilfsangebote aus ihrem Umfeld, von denen der Staatsanwalt berichtet hatte, seien nie da gewesen: „Meine Mandantin war über die gesamte Schwangerschaft hinweg nicht in der Lage zu handeln.“  Dieser Auffassung folgte der Richter aber nicht.

Babyklappen wurden bisher 90 Mal genutzt

Seit Einführung der Babyklappen im Jahr 2001 sind dort in Baden-Württemberg rund 90 Säuglinge abgegeben worden. Das sagte ein Sprecher des Sozialministeriums mit Verweis auf die jüngste Abfrage bei Jugendämtern im Frühjahr 2017. Das Hilfsangebot gebe es in Karlsruhe, Stuttgart, Pforzheim, Mannheim, Lörrach, Villingen-Schwenningen, Singen und Friedrichshafen. Zudem können Schwangere die Möglichkeit der vertraulichen Geburt nutzen – 2014 trat dazu ein Gesetz in Kraft. 21 Babys seien bis 2016 im Südwesten auf diese Weise zur Welt gekommen. dpa