Ulm Radikalisierung: „Der IS lockt anfangs mit netten Gesprächen“

Nils Böckler forscht am Institut  Psychologie und Bedrohungs­management in Darmstadt.
Nils Böckler forscht am Institut Psychologie und Bedrohungs­management in Darmstadt. © Foto: Nils Böckler
Ulm / Johannes Ihle 13.07.2017
Welches Beuteschema hat der IS im Netz? Extremismusforscher Nils Böckler im Interview über Radikalisierung im Internet, wer davon angesprochen wird und was man dagegen tun kann.

Extremismusforscher Nils Böckler über Radikalisierung im Internet, wer davon angesprochen wird und was man dagegen tun kann.

Wie wird im Internet durch den Islamischen Staat (IS) radikalisiert?

Nils Böckler: Es gibt mehrere Wege. Die beliebtesten sind Propaganda über Videos, die sehr jugendaffin und im Hollywoodschick rübergebracht werden. Auch gibt es direkte Ansprachen in den sozialen Netzwerken an Leute, die etwas geliked haben, das in die Richtung des IS geht.

Wie geht es nach der ersten Kontaktaufnahme weiter?

Zunächst wird eine Beziehung aufgebaut. Nette Gespräche, schmeichelnde Worte. Dann werden Angefixte in von außen abgeschirmte Bereiche eingeladen. Die Gespräche werden dort mehr und mehr ideologisch aufgeladen. Dort folgt dann etwa auch die Einladung zum Nachrichtendienst „Telegram“, wo konkretere Pläne geschmiedet werden. Schon die Einladung in einen geschlossenen Bereich zeigt: „Schau mal, ich bin ein Teil des Ganzen.“

Wie sieht das Beuteschema des IS aus?

Angesprochen werden Leute, die mit ihrem eigenen Leben im weitesten Sinne unzufrieden sind. Die meisten sind im Alter zwischen 14 und 35 Jahren, sowohl Männer als auch Frauen, von denen es immer mehr werden. Also in einer Phase, in der man generell auf der Suche nach der eigenen Identität ist. Ihnen wird mitgeteilt: „Die deutsche Gesellschaft will dich nicht haben.“ Aber auch junge Menschen, die schon vorher gewalttätig waren, gehören dazu. Ihnen wird ihr Handeln durch den IS nun legitimiert und die Gewaltaffinität auf klare Ziele gelenkt.

Was kann man dagegen tun?

Vor allem das soziale Umfeld ist wichtig. Es gibt für Radikalisierung spezifische Verhaltensänderungen, auf die man reagieren sollte. In Schulen und Firmen gibt es bereits geschulte „Bedrohungsmanagement-Teams“, an die man sich wenden kann, sobald einem etwas Ungewöhnliches auffällt. Im Internet helfen Gegennarrative nur bis zu einem bestimmten Grad. Ist die Radikalisierung fortgeschritten, muss eher über die Beziehungsebene angesetzt werden. Grundsätzlich gilt: Wir brauchen wissensbasierte Ansätze in der Resilienzförderung, Früherkennung und Deradikalisierung.

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