Heidelberg / CHRISTIAN JUNG, DPA In der Heidelberger Jesuitenkirche erhitzt eine Weihnachtskrippe die gläubigen Gemüter. Denn im Stall zu Bethlehem wird offen kritisiert. Komplett zerstört wird die Idylle durch ertrinkende Flüchtlinge.

Weder langweilig noch spießig ist eine politische Weihnachtskrippe in der katholischen Jesuitenkirche in Heidelberg. Denn in dem Gotteshaus werden das Jesuskind und seine Eltern noch bis Ende Januar nicht nur von Engeln und Hirten besucht. Dies sorgt im Ort für Aufregung. In den Stall zu Bethlehem gesellen sich auch eine Prostituierte, der vor kurzem verstorbene frühere südafrikanische Staatspräsident Nelson Mandela, ein Bettler, eine Astrologin und Papst Franziskus. Die etwa 50 Zentimeter großen Figuren wurden von Häftlingen der Heidelberger Justizvollzugsanstalt hergestellt und haben es in sich.

"Besonders gut finde ich, dass auch die Flüchtlinge von Lampedusa zu sehen sind", sagt der 72-jährige Rainer Dierkes vor einem festlichen Gottesdienst mit Mozart-Musik am ersten Weihnachtsfeiertag. Die Figuren treiben neben dem Stall und dem Papst tot in einem kleinen Mittelmeer oder ertrinken gerade. "Das hat mich schon sehr zum Nachdenken angeregt. Weihnachten ist nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen", sagt der Gläubige ergriffen.

Oberhalb des Stalls gibt es einen Demonstrationszug zu sehen. Der Anführer Martin Luther fordert Reformen in der Kirche, andere Figuren kritisieren die Zustände im "Bistum Limburg" - oder solidarisieren sich mit dem US-Whistleblower Edward Snowden. Die Botschaft der Protestierenden wird auf einem weiteren Plakat deutlich: "Mach"s wie Gott, werde Mensch!".

Die 57-jährige Gottesdienstbesucherin Maria Flick findet die Krippen-Provokationen richtig. "Kirche kann doch nicht nur schön sein", sagt sie lächelnd. Eckehard Bickelmann (70) findet das Schauspiel "herzerfrischend und hervorragend". Die Leichen im Meer hätten ihn aber doch etwas schockiert. Die ungewöhnliche Krippe, in der im Hintergrund Adam und Eva auch noch ihre Sexualität erkennen, ist bei den Gemeindemitgliedern nicht unumstritten. "Es gab auch private Beschwerden von Menschen über die Kirchengemeinderäte", sagt Barbara Wolf von der Seelsorgeeinheit Heidelberg-Neckartal, zu der die Jesuitenkirche in der Heidelberger Altstadt gehört.

"Es gibt ganz unterschiedliche Wahrnehmungen. Manche Gemeindemitglieder finden die Figuren einfach nur hässlich. Die Provokationen sind aber durchaus beabsichtigt, damit die Menschen miteinander ins Gespräch kommen", betont Barbara Wolf.

Die "moderne" Krippe gibt es seit 13 Jahren, jedes Jahr kommen neue Figuren dazu. Die aktuellen Krippenthemen sind nach Worten von Barbara Wolf auch auf die deutlichen Worte von Papst Franziskus in den vergangenen Wochen zurückzuführen. "Nur im vergangenen Jahr gab es Kritik von CDU-Kommunalpolitikern, weil in der Krippe auch Stuttgart-21-Demonstranten auftauchten". Von offizieller Kirchenseite habe es dagegen bisher keine Einwände gegeben.