Gesundheitspolitik Projekt lotet neue Wege der Versorgung aus

„Es muss sich alles verändern, damit es so bleibt, wie es ist“, sagt Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) mit Blick auf die Gesundheitsversorgung im Land.
„Es muss sich alles verändern, damit es so bleibt, wie es ist“, sagt Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) mit Blick auf die Gesundheitsversorgung im Land. © Foto: Marijan Murat/dpa
Stuttgart / Jens Schmitz 17.07.2018

Neue Gesundheitszentren, Fall-Betreuer für Patienten, mehr Vorbeugung: Ein bundesweit einmaliges Modellprojekt in Baden-Württemberg will Wege ins Gesundheitssystem der Zukunft zeigen. Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) hat gestern den Abschlussbericht vorgestellt.

Für dieses Projekt „Sektorenübergreifende Versorgung in Baden-Württemberg“ hat das Land in den Kreisen Reutlingen, Biberach und Ravensburg eine Million Euro investiert. Es zielt auf Probleme im  Gesundheitswesen ab: Die Bevölkerung wird immer älter, chronische Erkrankungen nehmen zu, beim Personal sind Engpässe absehbar.

Lucha betonte, dass gerade der Qualitätserhalt Reformen notwendig mache: „Es muss sich alles verändern, damit es so bleibt, wie es ist.“ Das neue Konzept wurde mit Krankenhausträgern, Kassen, Öffentlichem Gesundheitsdienst, Vertretern der Gesundheits- und Pflegeberufe sowie in Bürgergesprächen erarbeitet. Die Handlungsempfehlungen richten sich an die Akteure vor Ort genauso wie ans Land und den Bund. Ein Überblick:

Primärversorgungszentren Teams mit Fachleuten aus Gesundheits-, Sozial- und anderen Berufen sollen die Versorgung gerade in strukturschwachen Regionen verbessern. Die Zentren wären digital mit stationären Einrichtungen verbunden; Vorbilder gibt es etwa in Skandinavien.

Kooperation Der Bericht schlägt verschiedene Wege zur überregionalen Vernetzung von kommunalen Gesundheitskonferenzen, Ärzten, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen vor. Die Notfallversorgung soll neu geordnet werden. Ein kreisübergreifendes Gremium könne das Entlassmanagement verbessern. Der Projektbericht regt zudem weitere Modellversuche an.

Gesundheitsförderung Prävention soll stärker als bisher integriert werden. Kurzfristig könnten die Kommunen Angebote koordinieren, mittelfristig auch Kitas und Schulen eingebunden werden. Der Bericht regt ein Unterrichtsfach „Gesundheit“ an und fordert ein Modellprojekt mit Fachleuten. Eine Sensibilisierung für betriebliches Gesundheitsmanagement sei vor allem in kleinen und mittleren Betrieben notwendig. Der Text fordert außerdem, das Honorierungssystem grundsätzlich zu ändern: Ärzte sollen nicht nur die Behandlung einzelner im Blick haben, sondern auch die Gesundheit aller in ihrem Einzugsgebiet. Denkbar seien etwa Budgets, um eine bestimmte Bevölkerungsgruppe zu unterstützen.

Kommunikation Koordination und Bürgernähe will der Bericht auch mit Hilfe von optimierter Datenverarbeitung, Telemedizin oder der elektronischen Gesundheitsakte fördern. Das Papier entwickelt zudem Gedanken zu sprachlichen Barrieren und zu Wartezeiten bei Fachärzten.

Verzahnung Langfristig spricht sich der Bericht für eine bessere Bezahlung der Pflegeberufe und eine transparente Zertifizierung aus. Wichtig sei auch, soziale und ehrenamtliche Angebote gerade im Bereich Wohnen und Betreuung zu stärken – beispielsweise Selbsthilfegruppen und neue Wohnformen.

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