Preis Posthum bekommt Léon Gruenbaum den Whistleblower-Preis 2015

Karlsruhe/Ulm / TOBIAS KNAACK 15.10.2015
Léon Gruenbaum ist seit elf Jahren tot. Die Arbeit und das Wirken des französischen Physikers und Geschichtswissenschaftlers aber leben bis heute – und verstärken aktuell eine Frage an das KIT in Karlsruhe.
Léon Gruenbaum hätte sich 2012 wohl im Grabe umgedreht. Und auch im Oktober 2015 sähe sich der französische Physiker und Geschichtswissenschaftler vermutlich zu einer weiteren Runde im Sarg veranlasst. Damals wie heute hätte der Anlass für Gruenbaums Unbehagen einen Namen: Rudolf Greifeld, langjähriger Geschäftsführer am Kernforschungszentrum Karlsruhe, heute Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Damals, Ende 2012, kam heraus, dass Greifeld, dessen Nazi-Vergangenheit Gruenbaum gemeinsam mit Beate und Serge Klarsfeld Mitte der 1970er Jahre öffentlich gemacht hatte, noch Ehrensenator des KIT ist – ein Titel, der ihm 1969 verliehen worden war. Heute, Ende 2015, ruht dieser Titel zwar, eine Entscheidung über die Aberkennung aber ist auch nach drei Jahren nicht gefallen. „Die Ehrensenatorwürde ruht noch“, bestätigt Monika Landgraf, Pressesprecherin des KIT. „Es sind schwere Vorwürfe, deshalb ist uns eine sorgfältige Prüfung sehr wichtig“, begründet sie die Dauer des Verfahrens.

Das vom KIT zu Beginn des Jahres 2013 beim Archivleiter des Forschungszentrums Jülich, Bernd Rusinek, in Auftrag gegebene Gutachten zur NS-Vergangenheit des Instituts und speziell zur Person Greifeld sei mittlerweile da, sagt Landgraf. Ursprünglich war es auf der KIT-Homepage für September angekündigt. Die zuständige Ethikkommission habe schon mehrfach über das Thema beraten. Nun werde sie das Gutachten in Augenschein nehmen und auf der Grundlage von Rusineks Erkenntnissen eine Empfehlung an den Senat aussprechen. Dem obliegt letztlich die Entscheidung, ob Greifeld die Ehrensenatorwürde behalten darf oder nicht.

Die Frage rückte aber nicht nur wegen der anstehenden Entscheidung in der Causa Greifeld zuletzt wieder verstärkt in den Fokus. Ein anderer Grund ist, dass Léon Gruenbaum heute in Karlsruhe den Whistleblower-Preis 2015 erhält. Er ist der erste Träger dieses Preises, der posthum ausgezeichnet wird. Und er bekommt ihn nicht zuletzt aufgrund seines schwierigen Verhältnisses zu eben jenem Doktor Greifeld.

Gruenbaum hatte gemeinsam mit dem Ehepaar Klarsfeld die Aktivitäten Rudolf Greifelds während des Zweiten Weltkrieges als Kriegsverwaltungsrat in Paris und dessen „antisemitische Äußerungen“ bekannt gemacht. Der damaligen Veröffentlichung liegt auch eine persönliche Betroffenheit Gruenbaums zugrunde: Der 1934 während der Flucht seiner jüdischen Eltern in Forbach (Lothringen) geborene Gruenbaum war von Greifeld während seiner Tätigkeit am Karlsruher Forschungszentrum in den 1970er Jahren „antisemitisch und beruflich diskriminiert“ worden. Zudem hatte er – entgegen damals üblicher Praxis und trotz seiner hervorragenden Arbeit – keine Verlängerung seines Dreijahresvertrages bekommen, wie die Organisatoren des Preises mitteilen.

Gruenbaum war also Whistleblower, als es den Whistleblower zumindest im deutschen Sprachgebrauch noch gar nicht gab. Den Begriff hierzulande populär machte Edward Snowden, Preisträger 2013, der die Abhörskandale der US-Geheimdienste publik gemacht und die NSA-Affäre losgetreten hatte.

Die Juroren wollen mit der erstmaligen Verleihung an einen Verstorbenen vor allem Gruenbaums Verdienste um die Veröffentlichung von Greifelds Nazi-Historie würdigen. Die Ehrung Gruenbaums stellt aber auch eine Fortsetzung seiner Arbeit dar, als dass die Juroren in ihrer Begründung auf die Aberkennung von Greifelds Titel drängen: „Es ist zu hoffen, dass sich das KIT nun endlich (. . .) dazu entschließt, Dr. Greifeld vor allem aufgrund seiner NS-Belastung die Ehrung als Ehrensenator zu entziehen.“

Zudem äußern sie: „Seit der Entdeckung dieser Ungeheuerlichkeit vor drei Jahren in der KIT-Ehrenliste wird die Annullierung (. . .) immer wieder verschoben.“ Gruenbaum, davon gehen die Juroren aus, hätte dafür „wenig Verständnis“, zeigt sich doch, wie schwer man sich nach wie vor in Deutschland mit der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit tut, wie langwierig der Prozess bis zu einer Entscheidung ist. Über dem Tag der Anerkennung von Léon Gruenbaums Arbeit als Whistleblower schwebt also immer auch die Frage der Aberkennung von Rudolf Greifelds Titel.

Brisante Enthüllungen

Grundidee Gestiftet wird der Whistleblower-Preis von der deutschen Sektion der Juristinnen und Juristen gegen atomare, biologische und chemische Waffen und der Vereinigung deutscher Wissenschaftler. Er wird seit 1999 alle zwei Jahre vergeben an Personen, die Missstände aufdecken und bekannt machen.

Kriterien Von der Jury sind vier Kriterien für die Preisvergabe festgelegt: Brisante Enthüllung, selbstlose Motive, Alarm schlagen oder Bedrohung der Existenz.

Preisträger Neben Gruenbaum werden heute noch zwei weitere Personen geehrt: Brandon Bryant, ehemaliger US-Drohnenpilot, der Details über mit Drohnen geführte Kriege in Interviews offenlegte. Zudem wird der französische Molekularbiologe Gilles-Eric Séralini geehrt, der über die Giftigkeit des in vielen Varianten verwendeten Herbizids „Roundup“ informierte.

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