Stuttgart/Ehingen Plädoyers im Prozess gegen Anton Schlecker erwartet

Der ehemalige Drogeriekettenbesitzer Anton Schlecker steht in Stuttgart in einem Gerichtssaal des Landgerichts.
Der ehemalige Drogeriekettenbesitzer Anton Schlecker steht in Stuttgart in einem Gerichtssaal des Landgerichts. © Foto: dpa
Stuttgart/Ehingen / don (und dpa) 20.11.2017
Schlecker muss sich seit Anfang März wegen vorsätzlichen Bankrotts vor Gericht verantworten, seine beiden Kinder Meike und Lars wegen Beihilfe. Am Montag werden die Plädoyers erwartet.

Der Schlecker-Prozess kommt auf die Zielgerade
Anton Schleckers Zeit auf der Anklagebank nähert sich allmählich dem Ende. Seit März läuft gegen den einstigen Drogeriemarkt-König ein Prozess vor dem Stuttgarter Landgericht. Das geplante Zeugenprogramm ist nun durch, damit kommt das Ende des Verfahrens in Sicht. Ein Überblick über den Stand der Dinge:

Worum geht es?
Der Schlecker-Konzern war ein Drogerie-Riese in Europa, doch im vergangenen Jahrzehnt liefen die Geschäfte immer schlechter. Konkurrenten wie Rossmann oder dm punkteten mit gutem Design und besseren Preisen – Schlecker wurde zum „Schmuddelkind“ der Branche, wie ein Zeuge im Prozess sagte. Anfang 2012 kam es dann zum Kollaps, das Unternehmen ging in die Insolvenz und wurde später abgewickelt.
Als eingetragener Kaufmann haftete Schlecker mit seinem privaten Vermögen. In den Jahren vor der Pleite aber hatte er Geld aus der Firma gezogen und es an seine Familie übertragen. Nach Darstellung der Ankläger durfte er das nicht, die Verteidigung bestreitet hingegen Verfehlungen.

Was genau sind die Anklagepunkte?
Die Liste der Vorwürfe gegen Anton Schlecker (72) sowie seine beiden Kinder Lars (46) und Meike (43) ist lang. Es geht unter anderem um vorsätzlichen Bankrott, Beihilfe zum Bankrott und Untreue. Würde der Bankrott als besonders schwerer Fall gewertet, könnte Anton Schlecker eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren drohen. Danach sieht es aber nicht aus. Als „normaler“ Fall wären bis zu fünf Jahre möglich.

Wie sieht es also aus für Anton Schlecker?
Nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Einerseits wird eine harte Haftstrafe immer unwahrscheinlicher. Andererseits jedoch ist es inzwischen so gut wie auszuschließen, dass Schlecker einen Freispruch bekommt – so lassen sich jüngste Andeutungen des Richters verstehen.

Was ist der entscheidende Punkt in dem Verfahren?
Der Zeitpunkt der drohenden Zahlungsunfähigkeit. Ab dann hätte Schlecker keinen Cent mehr aus dem Firmenvermögen ziehen dürfen. Die Staatsanwaltschaft setzte den kritischen Moment in ihrer Klageschrift auf Ende 2009 an und kam damit auf einen Betrag von mehr als 25 Millionen Euro, die Schlecker widerrechtlich in private Kanäle umgeleitet und somit dem späteren Zugriff der Gläubiger entzogen habe. Verschiebt sich dieser Zeitpunkt nach hinten, sinkt die Schadensumme – somit würde ein Schuldspruch wohl schwächer ausfallen.

Was ist unlängst geschehen im Verfahren?
Zur Frage des Zeitpunktes haben sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung in einem öffentlichen Gespräch ausgetauscht. Beide Seiten sind von ihren ursprünglichen Positionen etwas abgerückt: Die Ankläger gehen jetzt von einer drohenden Zahlungsunfähigkeit ab Ende 2010 aus, die Verteidiger könnten mit einer Festlegung auf April 2011 leben. Der Vorsitzende Richter Roderich Martis hingegen tendiert zum 28. Januar 2011 – an diesem Tag lagen Schlecker schlechte Zahlen für 2010 vor, ab dann hätte er demnach das Unheil kommen sehen können.

Ex-Drogeriemarktkönig Schlecker - steiler Aufstieg, tiefer Fall
In der früheren Schlecker-Zentrale in Ehingen bei Ulm spazierte Anton Schlecker noch lange ein und aus, nachdem sein Lebenswerk längst zusammen gebrochen war. Europas größte Drogeriemarktkette ging 2012 in die Knie. Heute ist der gläserne Koloss an der Talstraße ein Businesspark. Schlecker ist unterdessen an einem Tiefpunkt angelangt: Der 72-Jährige muss vor Gericht.

Der Metzgermeister aus Ulm hatte 1975 den ersten Schlecker-Markt eröffnet. Er machte einen Konzern daraus, der in seinen Glanzzeiten mehr als 55.000 Menschen beschäftigte. Durch die Pleite rutschte der Unternehmer in die Privatinsolvenz. Schon zu guten Zeiten scheute Schlecker öffentliche Auftritte. Andere Leute mitreden lassen bei seinem Lebenswerk – das kam nicht in Frage, wie Gewerkschafter vermuten. Einen Blick auf den Chef erhaschen konnten einzig die Mitarbeiter, in deren Filialen Schlecker bei seinen Kontrollbesuchen Station machte.

Dass Anton Schlecker sogar zu Glanzzeiten seines Unternehmens eher einem Phantom glich, hat einen traurigen Hintergrund. 1987 wurden die Schleckers überfallen und die beiden Kinder Lars und Meike entführt. Selbst in dieser dunklen Stunde zeigte Schlecker allerdings schwäbischen Geschäftssinn – und handelte die Lösegeld-Forderung herunter. Beobachter erzählen aber von einem engen Zusammenhalt in der Familie, auch während der Insolvenz.

Was von Schlecker übrig blieb – Filialen und „Schlecker-Frauen“
Der nächste Schlecker-Markt nur fußläufig entfernt – damit warb die Drogeriemarkt-Kette kurz vor der Insolvenz. Rund 9000 Filialen der Marken Schlecker und IhrPlatz gab es, etwa 5500 davon in Deutschland. Die Räume waren größtenteils angemietet.

Der österreichische Investor Rudolf Haberleitner wollte 2013 bis zu 600 ehemalige Schlecker-Filialen mit dem Konzept eines modernen Tante-Emma-Ladens unter dem Namen Dayli wiederbeleben. Doch noch vor dem geplanten Start war Dayli pleite. Die Gewerkschaft Verdi half Schlecker-Mitarbeiterinnen, sich mit Hilfe eines spendenfinanzierten Genossenschaftsmodells selbstständig zu machen. Inzwischen sind laut Verdi aber nur noch eine Handvoll dieser „Drehpunkt“-Geschäfte übrig.

Nur wenigen der mehr als 25.000 deutschen Schlecker-Mitarbeiter, die für die Läden verantwortlich waren, gelang der Sprung in die Selbstständigkeit mit kleinen Drogeriemärkten. Die Bundesagentur für Arbeit bemühte sich damals um Hilfe. 2800 kamen bei anderen Drogerieketten unter, längst nicht alle in Vollzeitjobs. Doch bis die Bundesagentur im März 2013 ihr „Monitoring“ zur Jobsituation ehemaliger Schlecker-Angestellter beendete, konnte nur knapp die Hälfte der Entlassenen vermittelt werden, die mit Hilfe der Behörde auf Arbeitssuche gingen.

Die Schlecker-Familie auf der Anklagebank

Die Familie Schlecker steht vor Gericht: Anton Schlecker, seine Frau Christa, die Kinder Lars und Meike. Über sie ist wenig bekannt. Die Schleckers scheuen die Öffentlichkeit, nachdem die beiden Kinder im Jahr 1987 entführt worden waren.

Anton Schlecker: Der 72-Jährige ist der große Unbekannte. Selbst örtliche Politiker und Wirtschaftsvertreter haben kaum Kontakt zu ihm. Nach der Pleite soll sich Anton Schlecker auch von Vertrauten zurückgezogen haben. Der gelernte Metzgermeister eröffnete 1975 den ersten Schlecker-Markt. Zwei Jahre später betrieb er schon mehr als 100 Filialen. Konkurrent Dirk Roßmann, der Schlecker und dessen Frau seit Jahren kennt, sagte in einem Beitrag des SWR: „Fleißig waren die beiden, unglaublich.“ Außerdem seien sie hilfsbereit und großzügig gegenüber Freunden. Schlecker selbst sagte vor Gericht, er habe tagtäglich von frühmorgens an für das Unternehmen gearbeitet, auch am Wochenende.

Nicht nur im Geschäft achtete Schlecker auf jeden Cent. Er und seine Frau wurden in den 1990er Jahren zu zehn Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von einer Million Euro verurteilt, weil sie Hunderte Mitarbeiter jahrelang unter Tarif bezahlt hatten. Über Jahre habe die Familie keinen Urlaub gemacht. „Wir hatten oder haben keine Sammlung von teuren Autos, keine Weingüter, keine Kunst, keine Jachten, keine Hotels.“ Dennoch habe man sich das ein oder andere geleistet.

Christa Schlecker: Über Anton Schleckers Frau ist am wenigsten bekannt. Sie ist in Essen geboren, besuchte die Handelsschule und heiratete 1971 Anton Schlecker. Die 69-Jährige wird als „resolut“ beschrieben. Christa Schleckergalt als enge Vertraute Antons und soll zusammen mit ihm das berüchtigte Kontrollnetz über Mitarbeiter errichtet haben.

Lars Schlecker: Der heute 45-Jährige saß mit in der Geschäftsführung des Schlecker-Imperiums. Er wurde an der European Business School in London ausgebildet und machte im Jahr 2000 an der Steinbeis-Hochschule in Berlin seinen Master of Business Administration. Zu Zeiten des Internet-Hypes sammelte Lars Schlecker unternehmerische Erfahrungen als Gesellschafter des B2B-Portals Surplex.com – zusammen mit dem Sohn des ehemaligen Daimler-Chefs Jürgen Schrempp. Nach der Insolvenz arbeitete er als Agent für Künstler und engagiert sich derzeit beim Münchner Unternehmen float medtec. Er werde zwar immer als Pferdenarr beschrieben, so Lars Schlecker im Prozess. Er habe allerdings lediglich im Alter von 14 Jahren ein Jahr lang Reitstunden genommen.

Mit seiner Schwester verbindet ihn eine schreckliche Erfahrung: An Weihnachten 1987 wurden die Schlecker-Kinder entführt. Vater Anton handelte die Lösegeldforderung der Erpresser von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Das Geld wurde gezahlt, die Kinder konnten sich aber selbst befreien. Nach einem Bankraub wurden die Entführer 1998 gefasst. Lars Schlecker ist verheiratet mit einer Architektin, hat zwei Kinder und lebt in Berlin.

Meike Schlecker – Lars' zwei Jahre jüngere Schwester (43) legte eine mustergültige Karriere hin. Sie studierte an der renommierten IESE Business School in Barcelona, ist aber schon etwa seit dem Jahr 2000 im Unternehmen beschäftigt. Meike Schlecker war es, die sich 2012 vor Journalisten stellte, um die Pleite zu verkünden. Es war der erste öffentliche Auftritt der Schlecker-Familie seit dem Prozess gegen die Entführer der Kinder 1999. Meike Schlecker ist geschieden; sie lebt mit ihren beiden Kindern in London. Gedanken über ihre weitere berufliche Zukunft habe sie sich noch nicht gemacht, sagte sie im Prozess.

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