AKW Pannen-Reaktor Fessenheim ängstigt die Deutschen

Fessenheim / LSW 30.06.2016
Das Atomkraftwerk Fessenheim gilt als übler Pannen-Reaktor – in Deutschland. Ein Vor-Ort-Termin zeigt: In Frankreich interessiert das kaum jemanden.

Es ist die perfekte Gelegenheit. Die Überwachungskommission für Frankreichs ältestes Atomkraftwerk trifft sich vor Ort in Fessenheim – also dort, wo das Atomkraftwerk in der Nähe von Freiburg unmittelbar an der Grenze zu Baden-Württemberg steht. Außerdem ist zum ersten Mal die Bevölkerung eingeladen: Jeder kann in den dorfeigenen Festsaal kommen und die Vertreter von Politik, Atomaufsicht und Betreiber mit Fragen zu Störfällen und der geplanten Schließung konfrontieren. Die perfekte Bühne für eine Aktion von Atomkraftgegnern also.

Der Haken: Fessenheim liegt in Frankreich. Und die Franzosen teilen die Angst der Deutschen vor der Atomkraft nicht. Statt „Atomkraft - Nein, danke“ steht hier „Nein zur Schließung“ auf einem Transparent. Ein paar Dutzend Demonstranten tragen es zum Festsaal. Eine richtige Demo ist das nicht. Ohnehin ist nicht viel los, die Gendarmerie vor dem Gebäude und die Taschenkontrolle beim Einlass hätte es nicht gebraucht. Gekommen sind vielleicht 200 Menschen.

In den Reihen der Atomkraft-Gegner hört man indes viele deutsche Stimmen. Ihre Ängste: ein Erdbeben, Hochwasser, Terroristen. Man denke nur an die unbekannten Drohnen, die 2014 über das Atomkraftwerk flogen. Ein Alptraum. Den Franzosen hingegen geht es um ihren Arbeitsplatz: „Ich bin eine der 2200 geopferten Stellen“, steht auf manchen T-Shirts.

Aneinander geraten beide Seiten kaum. Die Kulisse bleibt vor allem das, was sie auch ist: ein Dorf. Hellbraune Ziegeldächer, mittendrin ein Kirchturm, rundherum Felder. Gerade mal 2000 Menschen leben hier. In Fessenheim, dem Dorf, sieht man von Fessenheim, dem Atomkraftwerk, nichts. Die störanfälligen Reaktoren liegen vor den Toren der Stadt am Rhein. Seit 1977. Aus deutscher Perspektive sollten sie längst abgeschaltet sein. Mittlerweile hat auch der französische Präsident, François Hollande, die Schließung versprochen. Geworden ist daraus bisher nichts. Stattdessen berichten die Medien -– vor allem in Deutschland – über eine Panne nach der anderen.

Um die soll es auch bei der öffentlichen Sitzung der deutsch-französischen Überwachungskommission gehen . Bericht erstatten müssen der Betreiber und die Atomaufsicht. Bevor unangenehme Fragen aufkommen können, wird aber erstmal die Geschichte der Kommission und die Arbeit der Atomaufsicht referiert. Eine Einschläferungstaktik? Nach einer Stunde gehen jedenfalls die ersten. Sie verpassen den Image-Film des Betreibers mit Bildern vom Atomkraftwerk im Gegenlicht, zahlreichen Rohren und Kurbeln, glücklichen Mitarbeitern – mit Musik unterlegt. Noch Fragen?

Ja. Eine hätte die Freiburger Lokalpolitikerin Gerda Stuchlik dann doch noch: „Wir sind ausschließlich mit der Frage hergekommen, wird am Donnerstag dieser Antrag gestellt?“ Sie meint den Antrag, der für eine Schließung notwendig ist und der eigentlich bis Ende des Monats gestellt werden sollte. Doch diese eigentlich entscheidende Frage bleibt unbeantwortet. „Die Antwort wird es am Donnerstag geben“, kündigt Christophe Marx an, der Generalsekretär der Präfektur für den Verwaltungsbezirk Haut-Rhin. Auf den letzten Drücker also, der heutige Donnerstag ist der 30 Juni.

Der Ruf einer Frau vor dem Festsaal bleibt damit ein einsamer: „Vive la fermeture!“ – es lebe die Schließung.