Leitartikel Axel Habermehl zur Bildungscloud „Ella“ Pannen-„Ella“ oder: die Daueraufgabe digitale Schule

Axel Habermehl, Autorenfoto
Axel Habermehl, Autorenfoto © Foto: Könneke Volkmar
Stuttgart / Axel Habermehl 12.06.2018

Die Geschichte der Bildungsplattform „Ella“ ist – jedenfalls soweit sie bisher geschrieben ist – die einer klassischen Pannenserie. Das als großer Wurf zur Digitalisierung der baden-württembergischen Schulen angekündigte Millionenprojekt legte einen Fehlstart hin und kommt seitdem nicht in die Gänge. Ob überhaupt jemals Schüler mit ihr arbeiten werden, ist völlig offen.

Der kurzfristigen Absage des Starts im Februar folgten immer neue Nachrichten über technische Probleme, Kompetenz-Chaos und unhaltbare Zeitpläne. Zuletzt wurde ein Gutachten öffentlich, das so verheerend ausfiel, dass die verantwortliche Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) öffentlich darüber räsonierte, ob es nicht an der Zeit sei, „die Reißleine zu ziehen“. Die Opposition stellt längst bohrende Fragen, ruft nach dem Landesrechnungshof und nimmt neben Eisenmann auch Innenminister Thomas Strobl (CDU) ins Visier, dessen Haus eigentlich alle Digitalprojekte der Landesregierung und die IT-Strategie der gesamten Verwaltung steuern und beaufsichtigen soll.

Die Tafel für ein politisches Festmahl der Opposition ist also angerichtet. Doch unter der Tischdecke liegen andere, tiefere Probleme. Eisenmann und Strobl sind politisch verantwortlich, aber beide Minister haben inhaltlich keine Ahnung von Entwicklung und Programmierung einer Bildungscloud. Eisenmann hat in Germanistik promoviert, Strobl ist Jurist. Doch allein um das „Ella“-Gutachten voll zu durchdringen, müsste man eigentlich Informatiker sein.

Die Minister stehen hilflos vor der Technik. Die Notwendigkeit, Digitalisierung politisch zu gestalten, verlangt Wissen, das Politiker kaum haben. Sie hängen ab von Beratern aus der Privatwirtschaft und kundigen Beamten. Doch gutes Personal ist knapp, der öffentliche Dienst für IT-Fachleute mäßig attraktiv. Angesichts von Ausmaß, Bedeutung und Wucht diverser Digitalisierungsprojekte in allen Bereichen entsteht hier ein bedrohlicher Machtverlust der Politik.

Gleichzeitig überlagert der Zorn über „Ella“ die gesellschaftliche Debatte darüber, was allzu vereinfachend „Digitalisierung der Schulen“ genannt wird. Es scheint fast, als wäre alles geregelt, wenn nur die Cloud funktionierte. Als wären dann schlagartig der Unterricht modern, die Didaktik ans Smartphone-Zeitalter angepasst und neue Medien pädagogisch sinnvoll, altersgemäß und rechtssicher in alle Fächer eingebunden – bei Minimierung der Risiken selbstverständlich.

Das ist aber nicht der Fall. Das Thema Bildung in der digitalen Welt wirft komplexe Fragen auf. Es geht nicht nur um Hardware, Wlan und viel Geld, um Inhalte, Kompetenzen und Lehrerbildung. Es geht darum, das System Schule an rasend schnelle technische und soziale Prozesse anzupassen, dies ständig kritisch zu reflektieren und nie das Primat der Pädagogik aus den Augen zu verlieren. Diese Fragen sind nicht abschließend zu klären, sie stellen sich auf absehbare Zeit immer wieder neu. Sie über der unendlichen Geschichte von Pannen-­„Ella“ zu vernachlässigen, wäre fatal.­

leitartikel@swp.de

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