Der große Rittersaal des landeseigenen Schlosses wird nicht mehr benötigt. Wenn das Studienzentrum Weikersheim (SZW) zum Jahrestreffen einlädt, reicht die Kapazität der Orangerie am Rand des Parks vollkommen aus. 70, vielleicht auch 80 Gefolgsleute reisen dann ins Taubertal - und kaum jemand nimmt davon auch nur ansatzweise Notiz. Es werde immer noch "kontrovers diskutiert", betont Geschäftsführer Daniel Tapp (39) im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE, "aber wir legen nicht das Hauptaugenmerk darauf zu schocken oder auf gezielte Skandale".

In der Blüte des Vereins genügte die Ankündigung einer Veranstaltung für heftige Reaktionen. 1000 Gäste sahen sich mitunter gleichfalls von weither angereisten, aber sehr unerwünschten Demonstranten gegenüber. Deren Protest wurde als "Straßenterror" verabscheut. Das Studienzentrum erschien in den Medien als "Club der rechten Denker", wahlweise auch als "rechtsradikale Kaderschmiede" oder eine "Brutstätte für die neue rechte Elite".

Zwar hatte 1979 der Gründer Hans Karl Filbinger, Ex-Ministerpräsident und CDU-Landesvorsitzender, eine "christlich-konservative Denkfabrik der großen bürgerlichen Mitte" im Sinn, fern der Hauptstadt hielt er die Fahne hoch für die "demokratischen Tugenden der Pflichterfüllung, Solidarität und Selbstbescheidung". Manche Redner standen aber im Verdacht der "geistigen Brandstiftung". Da passte es ins Bild, dass nationalistische Lieder gesungen wurden und Mitglieder der Republikaner zum Stamm des SZW gehörten. Missliebige Fotografen mussten um körperliche Unversehrtheit fürchten.

Diese Zeiten sind passé. Dabei sollte sich schon 2004 "Jung-Weikersheim" als eine Unterorganisation um die Rekrutierung von mehr Nachwuchs kümmern. Drei bis vier Veranstaltungen pro Jahr hätten Jüngere, "im Allgemeinen bis zum 40. Lebensjahr", für Themen aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik interessieren und als potenzielle SZW-Mitglieder gewinnen sollen. Daraus wurde nichts. "Jung-Weikersheim" existiere zwar noch formell, "aber es ist de facto auf Eis gelegt", gibt Daniel Tapp zu.

Immerhin darf Tapp zur Verstärkung gerechnet werden. Das frühere Mitglied der Jungen Union ist in Trier geboren, in Hildesheim aufgewachsen, jetzt arbeitet er in Wien als Assistent einer FPÖ-Abgeordneten. Im September 2014 hat er den Job des erkrankten SZW-Geschäftsführers übernommen, die Geschäftsstelle hat seither ihren Sitz in Wien. Mit Weikersheim verbinden den Verein nur noch den Namen und ein Konto bei der Volksbank. "Wir sind etwas mehr auf Reisen als früher", sagt Tapp. In Wien, zum Beispiel, sei mit 120 Personen über Ungarns Politik diskutiert worden. In der Burg Lichtenberg zwischen Heilbronn und Ludwigsburg sprach die Ex-Abgeordnete und Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld am 12. März über "Masseneinwanderung und Meinungsfreiheit" vor 50 Zuhörern.

Ein neues Grundsatzprogramm hat dem Verein nicht zum erhofften Aufschwung verholfen. Er will jetzt ein "Diskussionsforum für die zeitgemäße Formulierung eines freiheitlichen Konservatismus" sein. Standen auf der Mitgliederliste einst rund 1000 Namen, sind es heute nur noch 130. Schuld an diesem "Aderlass" seien "die Geschichte mit der CDU" und der "missglückte Oettinger-Nachruf", sagt Daniel Tapp. Gemeint ist damit die Verherrlichung von Ex-Ministerpräsident und Ex-Marinerichter Filbinger bei dessen Beerdigung am 11. April 2007 durch seinen Nach-Nachfolger Günther Oettinger als "Gegner des NS-Regimes". Offenbar sind die Verbindungen zu den Christdemokraten gekappt. "Wir sind nicht mehr hundertprozentig in der CDU eingegliedert wie es früher war", sagt Tapp dazu.

Damit bleibt unerfüllt, was Präsident Harald Seubert vor vier Jahren auf den Wunschzettel geschrieben hatte: "Wir benötigen neue Mitglieder, die dem gemeinsamen Anliegen neuen Esprit geben." In Weikersheim ist von Bedauern über den Niedergang des Studienzentrums nichts zu spüren. Positive Publicity war mit ihm sowieso nie verbunden. Der Verein bezahlt den Tagespreis von 630 Euro für die Orangerie und 120 Euro für den Gottesdienst in der Kapelle. "Sie benehmen sich anständig", bestätigt der Schloss-Manager Michael Hörrmann, "sie sind herzlich willkommen wie jeder andere Mieter auch."

Verbindungen zur AfD

Präsidium Harald Seubert (49), Professor für Philosophie und Religionswissenschaften an der evangelikalen Theologischen Hochschule Basel, führt den eingetragenen Verein seit Juli 2011. Seine Stellvertreter sind der Soziologe Jost Bauch (67) und der Staatsrechtler Karl Albrecht Schachtschneider (76).

Kontakte Schachtschneider hat sich für eine Verfassungsbeschwerde gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, die er als "Staatsstreich" versteht, verbündet mit Götz Kubitschek, Gründer des "Instituts für Staatspolitik" auf dem Rittergut Schnellroda (Saalekreis). Es ist laut Deutschlandfunk ein "Thinktank für das rechtsintellektuelle Milieu Deutschlands". Enge Verbindungen gibt es zu AfD-Politikern wie Björn Höcke und André Poggenburg. Harald Seubert steht auf der Referentenliste. Schachtschneiders Mitkläger ist Hans-Thomas Tillschneider, neu gewählter AfD-Landtagsabgeordneter in Sachsen-Anhalt. hgf

SWP