Modellprojekt Online-Beratung gegen Diskriminierung gestartet

Tübingen / Madeleine Wegner 11.06.2018

Eine junge Frau wird im Fitnessstudio unfreundlich behandelt – sie trägt ein Kopftuch. Der IT-Experte bekommt trotz vieler Bewerbungen nur Absagen – er sitzt im Rollstuhl. Ein paar junge Männer kommen abends im Club nur selten am Türsteher vorbei – sie sehen angeblich arabisch aus. Ein kleines Mädchen wird in der Kita benachteiligt – es hat nicht Mama und Papa, sondern zwei Mamas.

Diskriminierung kann sich ganz unterschiedlich äußern und ist manchmal auch gar nicht so leicht zu erkennen. Doch wer im Alltag diskriminiert wird, fühlt sich oft hilflos und alleingelassen. Zwar gibt es in manchen Städten Beratungsstellen für Betroffene, doch diese Angebote sind längst nicht flächendeckend. Deshalb baut der Tübinger Verein Adis eine landesweite Antidiskriminierungsberatung per Chat, Video und E-Mail auf. Das Modellprojekt ist nun online gegangen.

Schon seit mehreren Jahren unterstützt Adis (bislang unter dem Namen „Netzwerk Antidiskriminierung“) Betroffene in Reutlingen und Tübingen. Die inzwischen 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bieten Einzelfallberatung an, wenn jemand direkt oder indirekt Diskriminierung erfährt. Ihr Job: Zuhören, Betroffene stärken, über Rechte informieren und gemeinsam Handlungsstrategien entwickeln vom Beschwerdebrief bis hin zum Rechtsweg. Außerdem organisiert Adis Bildungsangebote und bietet Räume sowie Unterstützung für andere Gruppen und Initiativen, die gegen Diskriminierung arbeiten.

Hemmschwellen abbauen

Nur eine von 2000 von Diskriminierung betroffenen Personen wende sich an eine Beratungsstelle, sagte Annagreta König-Dansokho, eine von sechs Beraterinnen, mit denen das Online-Angebot startet. Dabei seien Menschen mit eingeschränkter Mobilität besonders oft von Diskriminierung betroffen und häufig nicht in der Lage, eine weit entfernte Beratung aufzusuchen. Mit der Möglichkeit, sich per Chat, Mail oder Video online beraten zu lassen, solle aber auch eine Klientel erreicht werden, die sich in der Anonymität des Netzes wohler fühle als in einer Beratung von Angesicht zu Angesicht, sagte König-Dansokho.

In moderierten Gruppen-Chats können sich Betroffene außerdem untereinander austauschen und stärken. „Wenn man in Stuttgart lebt, findet man vielleicht als transsexuelle Person eine Gruppe, in der man sich über Diskriminierungserfahrungen austauschen kann“, sagt Andreas Foitzik, Adis-Geschäftsführer und Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Antidiskriminierungsberatung (LAG). „Wenn man in Oberschwaben oder im Schwarzwald lebt, sieht das aber ganz anders aus.“ Virtuelle Begegnungsmöglichkeiten könnten in solchen Fällen für Betroffene besonders hilfreich sein.

Ob sexuelle Neigung, Hautfarbe, Religion, Sprache oder ein Rollstuhl: „Gründe, um andere nicht zu mögen finden wir immer“, sagte Sozialminister Manne Lucha bei der Freischaltung des Online-Beratungsportals in Tübingen. Vorurteile hätten wir zwar alle im Kopf, „wichtig ist aber, dass sie nicht in Alltagsrassismus umschlagen“, sagte Lucha. Bei der Ablehnung anderer spiele fast immer Angst eine Rolle.

Lucha betonte jedoch, dass der Erfolg eines Landes wie Baden-Württemberg auf dessen Vielfalt und Unterschieden basiere. Deshalb fördere das Land die Arbeit der neun Antidiskriminierungs-Beratungsstellen, von denen sich zwei noch im Aufbau befinden. Im Herbst, kündigte Lucha an, werde das Land außerdem eine eigene Antidiskriminierungsstelle einrichten, an die sich Betroffene wenden könnten und die der weiteren Vernetzung dienen soll.

Info adis-online.com

Finanzierung bis Ende 2019 gesichert

Auf der Webseite (adis-online.com) können sich Betroffene per Chat, Video oder Mail beraten lassen – kostenlos und vertraulich. „Wir stehen auf Ihrer Seite“, verspricht Susanne Belz vom Stuttgarter Büro für Antidiskriminierungsarbeit. Dabei wird gemeinsam ein Plan entwickelt, es passiert nichts, was der Betroffene nicht möchte.

Um das Angebot flächendeckend aufzubauen und den Wechsel der Klienten von Online-Beratung zur klassischen Beratung vor Ort zu ermöglichen, arbeitet Adis eng mit einer Reihe von Beratungsstellen im Land zusammen. Das Land unterstützt das Modellprojekt mit 60 000 Euro. Maßgeblich finanziert wird die Internet-Beratung von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes – gesichert ist dies allerdings nur bis Ende 2019. del

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