NSU NSU: Phantombilder unter Verschluss

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Stuttgart / THUMILAN SELVAKUMARAN 29.05.2015
Mehrere Zeugen haben nach dem Heilbronner Polizistenmord von flüchtenden Personen berichtet. Die Angaben wurden vom Staatsanwalt als unglaubwürdig gewertet - trotz Kritik des Soko-Chefs.

Kurz nach den beiden Schüssen herrscht Totenstille auf der Theresienwiese - bis ein Radfahrer die ungewöhnliche Szenerie bemerkt und einen Notruf absetzen lässt. Es ist der 25. April 2007. Hunderte Beamte aus dem ganzen Land eilen nach Heilbronn. Polizistin Michèle Kiesewetter ist tot, Kollege Martin A. schwebt in Lebensgefahr.

Die Soko "Parkplatz" nimmt ihre Arbeit auf, wertet mühselig hunderte Spuren aus, kommt den Tätern aber nicht näher, berichtete Axel M., dritter Leiter der Soko, kürzlich als Zeuge vor dem NSU-Untersuchungsausschuss.

Unter den Spuren sind auch Aussagen von Zeugen, die kurz nach der Tat flüchtende Personen rund um die Theresienwiese gesehen haben wollen. Manche berichteten von blutverschmierten Männern. Das passt sogar zur Tatanalyse der Ermittler, die von mindestens zwei Tätern ausgeht. Diese hätten sich stark mit Blut verschmiert haben können, als sie den Polizisten nach den Schüssen die Ausrüstungsgegenstände abgenommen haben.

Ein Dutzend Phantombilder wurden erstellt. Die Polizei, die jahrelang im Dunkeln tappte, wollte diese veröffentlichen, hoffte auf den entscheidenden Hinweis - vergeblich. Der Heilbronner Staatsanwalt Christoph Meyer-Manoras stoppte die eifrigen Ermittler. Bei Axel M. klingt Frustration durch, als er vergangene Woche über die "teils heftigen Diskussionen" berichtet. "Wir haben es mit Hochdruck versucht. Der Staatsanwalt hat unseren Wunsch aber abgelehnt, da die Aussagen widersprüchlich seien. Das mussten wir so hinnehmen."

Ausschussvorsitzender Wolfgang Drexler (SPD) wundert sich über den Vorgang, da es um einen Fall ging, "in dem man keine Anhaltspunkte hatte". Auch Axel M. erkennt Widersprüche in den Aussagen. "Diese könnten aber, wenn man die leichte Unschärfe wegnimmt, doch korrespondieren (. . .) Und was ist, wenn ein Teil der Zeugenaussagen stimmt?" Wahrheitsmerkmale seien durchaus vorhanden. Er habe daher "oftmals hart mit dem Staatsanwalt gerungen", ohne Erfolg. Heute kursieren die Phantombilder zwar im Internet - fanden laut M. in den Ermittlungen keine weitere Beachtung.

Es gibt einen weiteren Zeugen, dessen Angaben unverwertet in den Akten schlummern: der schwerverletzte Beamte Martin A. "Bei den Vernehmungen von A. haben wir festgestellt, dass er sich immer besser an die Tat erinnern kann", so Axel M.. Ein Experte habe bestätigt, dass trotz Hirnverletzung Erinnerungen zurückkommen könnten.

Nach den Schilderungen von Martin A. wurde ein Phantombild erstellt. "Es ist in einem ganz normalen Prozess zustande gekommen. Es zeigt den Täter, so wie ihn A. im Kopf hatte", berichtet Axel M. Die Ermittler sahen einen Durchbruch, wurden aber erneut ausgebremst.

Der Beamte erklärt, dass das Opfer Angst hatte. Dass die Täter noch frei herumlaufen könnten. Dass A. Racheaktionen fürchten muss, wenn bekannt wird, dass er einen Täter gesehen hat. "Wir haben probiert, ihm die Angst zu nehmen", so M. Der Staatsanwaltschaft habe sich darauf ohne Absprache mit der Soko mit dem Opfer getroffen und ein Gutachten in Auftrag gegeben. Dieses bescheinigt dem Polizisten, dass keine seiner Erinnerungen verwertbar seien. "Damit ist das Bild faktisch nicht vorhanden." Bis heute ist die öffentliche Sprachregelung, A. könne sich nicht an die Tat erinnern. Im Juli will der Ausschuss den Staatsanwalt befragen.

Mit Auffliegen der mutmaßlichen Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund am 4. November 2011 waren die meisten Spuren ohnehin für Ermittler nicht mehr verwertbar. Seitdem stehen nach Theorie der Bundesanwaltschaft Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt als Einzeltäter fest. Denn neben ihren Leichen im ausgebrannten Wohnwagen in Eisenach lagen die entwendeten Dienstpistolen von Kiesewetter und ihrem Kollegen. Auch de Tatwaffen von Heilbronn tauchten auf - im Schutt der ausgebrannten Wohnung der NSU-Männer.

Allerdings haben weder die Phantombilder der Zeugen aus Heilbronn noch jenes des schwerverletzten Polizisten Marin A. Ähnlichkeiten mit Mundlos und Böhnhardt. Jürgen Filius (Grüne) will vom damaligen Chef-Ermittler wissen: "Was haben Sie gefunden, was darauf deutet, dass Mundlos und Böhnhardt in Heilbronn waren." Axel M. antwortet knapp: "Bei den objektiven Spuren: nichts."

Der nationalsozialistische Untergrund

Terrorzelle Die Bundesanwaltschaft macht den "nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) für den Mord an neun Migranten und an der Polizistin Michèle Kiesewetter verantwortlich - insbesondere Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Gegen die dritte im Bunde, Beate Zschäpe, und weitere Helfer läuft sei 2013 ein Prozess vor dem Oberlandesgericht in München.

Aufklärung In Baden-Württemberg befasst sich ein Untersuchungsausschuss mit den Bezügen des NSU ins Land. Die nächste öffentliche Sitzung ist am Montag, 8. Juni.

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