Heilbronn NSU: Im Umfeld der getöteten Polizistin Kiesewetter tummelten sich Neonazis

Sitzungssaal im Thüringer Landtag. Im NSU-Ausschuss waren auch die Neonazis in Oberweißbach Thema, Heimatort der in Heilbronn ermordeten Polizistin. Foto: dpa
Sitzungssaal im Thüringer Landtag. Im NSU-Ausschuss waren auch die Neonazis in Oberweißbach Thema, Heimatort der in Heilbronn ermordeten Polizistin. Foto: dpa
Heilbronn / THUMILAN SELVAKUMARAN 19.03.2014
Hatte Michèle Kiesewetter doch Verbindungen in die rechte Szene? Eine Zeugin bestärkte diese Theorie vor dem NSU-Untersuchungsausschuss in Thüringen. Sie berichtete von merkwürdigen Vorgängen.

Wenn es nach der Bundesanwaltschaft geht, ist die Sache klar: Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) haben 2007 die Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn getötet, ihren Kollegen Martin Arnold lebensgefährlich verletzt - beide seien Zufallsopfer gewesen.

Nun tauchen immer mehr Hinweise auf, die doch für eine Verbindung sprechen. Etwa durch die Aussage von Anja W., ehemalige Polizistin, vor dem NSU-Untersuchungsausschuss in Erfurt. Kiesewetters Heimatort Oberweißbach in Thüringen könnte demnach eine wichtige Rolle gespielt haben. Dort tummelten sich etliche Neonazis, manche mit Kontakt zum NSU. W. berichtete, dass Kiesewetter einmal an einer Auseinandersetzung am Ortsrand beteiligt gewesen sei, bei dem Unbekannte mit drei Autos dabei waren. Vielleicht habe das spätere Mordopfer, spekuliert die Zeugin, etwas gesehen, "was sie nicht hätte sehen sollen".

Auch die familiäre Situation könnte eine Rolle gespielt haben: Anja W. war bis 2007 mit Kiesewetters Patenonkel Mike W. liiert - ebenfalls Polizist. Sie verbrachten viel Zeit mit Kiesewetter, waren gemeinsam im Urlaub. Dann trennten sich die Wege von Mike W. und Anja W.. Sie heiratete Ralf W., gegen den sie zuvor ermittelt hatte. Er betreibt eine Sicherheitsfirma, hat Kontakte in die rechte Szene und sagte in den 90er Jahren als Zeuge in einem Verfahren gegen Uwe Böhnhardt aus.

Laut Süddeutsche Zeitung ist Ralf W. verwandt mit Ronny W., einem Neonazi aus dem NSU-Umfeld, der mit Beate Zschäpe an Kreuzverbrennungen im Ku-Klux-Klan-Stil teilgenommen haben soll.

Auch die Cousine von Kiesewetter, die Tochter von Mike W., sei im rechten Milieu aktiv gewesen. Ihr Freunde könne sogar Mitglied des verbotenen Netzwerks "Blood & Honour" gewesen sein. Anja W. widerspricht damit Mike W., der stets bestritten hatte, dass es in seiner Familie Kontakte in die rechte Szene gab.

Die Zeugin sagte, sie habe sich gewundert, dass sie erst 2011, also vier Jahre nach dem Mord, von Ermittlern befragt wurde. Damals schrieb sie eine SMS an Mike W., in dem sie Kiesewetters Patenonkel als Verräter beschimpfte - das steht in Ermittlungsakten, bewog aber offenbar keinen, nachzufragen.

Öffentlich wurde auch nicht, dass Kiesewetter 2006 mit Kollegen von der Böblinger Bereitschaftspolizei zur Kirmes nach Oberweißbach gefahren war. Der Einheitsführer übernachtete laut Protokollen in einer Pension. War es die Gaststätte "Zur Bergbahn"? Betreiber ist der Schwager von Ralf Wohlleben, er war einst mit Beate Zschäpe liiert.

Auch unter den Kollegen von Kiesewetter waren Rechtsextreme. Zwei Böblinger Bereitschaftspolizisten gehörten dem Ku-Klux-Klan an, der bis 2003 in Schwäbisch Hall existierte. Zwei Klan-Mitglieder hatten direkten Bezug zum NSU.

Die Bundesanwaltschaft bleibt trotz dieser Verstrickungen dabei: Alles nur Zufälle. Anja W. könnte manche Fragen klären - noch ist sie aber im Münchner Prozess nicht als Zeugin geladen.

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