Dieses Gutachten aus der Klink am Weissenhof soll belegen, dass sich A. an nichts erinnern könne. Der Ersteller, Dr. Thomas Heinrich, erklärte vor dem Ausschuss, dass die schweren Gehirnschäden durch den Kopfschuss verhindert haben müssen, dass A. überhaupt die wahrgenommenen Informationen hätte speichern können. Auch der zweite Gutachter, der als Sachverständiger geladen war, vertritt diese These. Demnach reiche der große Druck im Schädel, damit das „Gehirn ausschaltet“, meint  Rechtsmediziner Heinz-Dieter Wehner.

Brisant sind die Erinnerungen des Schwerverletzten, da er bei mehreren Vernehmungen zwischen 2007 und 2008 immer detaillierter jenen Mordtag auf der Theresienwiese  beschreiben konnte. Er berichtete von den Gesprächen mit seiner Streifenpartnerin, vom warmen Frühlingstag und von zwei Männern, die sich von hinten dem 5er BMW genähert haben, in dem die beiden Polizisten saßen. Auf seinen eigenen Wunsch hin wurde er später und Hypnose befragt. Weitere Puzzlestückchen kamen als Erinnerung zurück. Ein
Phantombild wurde erstellt. Das Opfer war, wie es mehrfach äußerte, davon überzeugt, dass das Bild den Mann auf seiner Seite zeigt. Auch das LKA sah die Befragung und die Aussagen als Erfolg an, wollte das Phantombild mit weiteren, die mit Hilfe von anderen Zeugen erstellt worden waren, veröffentlichen. Keine der Hinweise oder Bilder passen allerdings zu Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt vom Nationalsozialistischen Untergrund, die laut Anklage vor dem Oberlandesgericht München alleine die Tat begangen haben sollen.

 Als A. von den Plänen zur Veröffentlichung der Phantombildererfuhr, machte er eine Kehrtwende. Er drohte, das Land zu verlassen, da er Racheakte befürchtete. Es kam zu einem geheimen Gespräch mit ihm und dem Staatsanwalt, wo er erneut erklärt hatte, dass das Phantombild zwar den Täter zeige – er eine Veröffentlichung aber strikt ablehne. Der Staatsanwalt beauftragte darauf jenes nervenärztliche Gutachten, das nun im Ausschuss thematisiert worden war – mit derFragestellung, ob sich A. tatsächlich erinnern könne. Bei der zweistündigen Untersuchung 2011, so berichtet es Heinrich heute, habe Martin A. klar ausgedrückt, dass er sich etwas zusammengereimt habe, seine bisherigen Aussagen nicht verwertbar seien. Ohnehin, so der Gutachter, seien seiner Meinung nach aus medizinischer Sicht keine Erinnerungen möglich. Jürgen Filius (Grüne) wundert sich: „Ihr Ergebnis stand also schon vor der  Untersuchung fest? “Heinrich dementiert. „Das Ergebnis steht nie vorher fest.“ Es sei aber absehbar gewesen.

Der Mediziner berichtet aber Erstaunliches: Der Staatsanwalt  habe mit der Beauftragung des Gutachtens seine Bewertung gleich mitgeschickt, wieso die Erinnerungen von A. unter Verschluss bleiben sollten. „Ist das üblich“, fragt Alexander Salomon (Grüne). Das sei ungewöhnlich, erklärt Heinrich - und versichert, er habe sich zu keiner Zeit von der Einschätzung des Heilbronner Staatsanwalts beeinflussen lassen.

Petra Häffner, ebenfalls Grüne, wagt die These, ob Martin A. mit falschen Angaben zu einem Gutachten kam, das ihm die Phantombildveröffentlichung ersparte. Thomas Heinrich antwortet, dass er keine Mittel habe, um den Wahrheitsgehalt der Patientenangaben zu prüfen. Martin A. habe aber einen glaubwürdigen Eindruck hinterlassen. 

Das Gutachten war für die Ermittler des LKA bindend, wie Axel M., damaliger Leiter der Soko-Parkplätz, kürzlich erklärte. Fortan durften die Angaben von A. nicht weiter verwendet werden, obwohl die Ermittler darauf gedrängt hatten. Letztlich landeten die Angaben von A. zum Tatgeschehen als Fabelgeschichte in der Schublade. Im Abgabebericht der Staatsanwaltschaft an die Bundesanwaltschaft ist begründet, „dass jedes Abweichen“ von der These der nicht vorhandenen Erinnerungen „Spekulationen eröffnet hätte, das zu einer erheblichen und durch nichts zu rechtfertigenden Gefährdung des Lebens des Zeugen A. hätten führen können“.

Für Matthias Pröfrock (CDU) genügen die Angaben der Gutachter für die Überzeugung, dass sich Martin A. nicht an die Täter erinnern könne. Zusammen mit weiteren Spuren der beiden Uwes an den gefundenen Dienstwaffen der Polizisten sei für ihn damit die Täterschaft der beiden NSU-Männer belegt. Nikolaos Sakellariou erklärt, dass es keine Erinnerungen mehr bei Martin A. geben kann. „Mir scheint so, dass der Gang zur Hypnosebefragung eine Verzweiflungstat war.“ Für Niko Reith von der FDP hat sich nach dem Freitag die Täterschaft von Mundlos und Böhnhardt „klar herauskristallisiert“.

Jürgen Filius bleibt aber bei seinen Zweifeln. Laut den Medizinern sei es nicht ausgeschlossen, dass doch Erinnerungen hängengeblieben seien. „Da wurde sehr schnell ein Knopf dran gemacht“, kritisiert er auch die relativ kurze Untersuchungszeit beim Nervengutachten. „Ich hätte mir gewünscht, dass man da sorgfältiger mit umgeht.“ Schließlich habe es eine weitere Medizinerin gegeben, die erklärt habe, dass in manchen Fällen erstaunlich viele Informationen im Gehirn hängen bleiben, trotz schwerer Verletzungen. Es war jene Frau, die damals Martin A. unter Hypnose befragt hatte.