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NSU
Stuttgart / THUMILAN SELVAKUMARAN

Schausteller des Cannstatter Wasens bauen für das Volksfest auf, der Verkehr rauscht an jenem Montagmorgen nebenan über die Talstraßenbrücke. Nur wenige Meter entfernt stirbt am 16. September gegen 9 Uhr ein 21-Jähriger: Er verbrennt im Auto seines Vaters.

Für die Stuttgarter Polizei ist klar: Florian H. beging Suizid, die Hintergründe dürften „im Bereich einer persönlichen Beziehung liegen“. Sprecher Thomas Ulmer schließt die Beteiligung einer weiteren Person aus. „Daher ermitteln wir nicht mehr weiter.“ Die Angelegenheit könnte vom Tisch – eigentlich, wäre da nicht der Bezug zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU).

Florian H. aus Eppingen (Kreis Heilbronn) hätte am Tag seines Todes als Lehrling einer Baufirma im Remstal arbeiten sollen. Am Abend wollte ihn das Landeskriminalamt (LKA) an einem geheimen Ort im Raum Stuttgart zum zweiten Mal zu Bezügen zwischen dem NSU und Neonazis im Land befragen. Wie die Polizei bestätigt, hatte er um 17 Uhr einen Termin mit der Ermittlungsgruppe „Umfeld“. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen.

Die Informationen, die Florian H. im Januar 2012 dem LKA lieferten, zeugen durchaus von Brisanz. Zum Teil sind sie im Abschlussbericht des Berliner NSU-Untersuchungsausschusses nachzulesen. So hatte der 21-Jährige den Hinweis zu einer mysteriösen „Neoschutzstaffel Öhringen“ (NSS) gegeben, die neben dem NSU die „zweite radikalste Gruppe“ in Deutschland stelle. Es habe sogar ein Treffen zwischen NSS und der NSU-Terrorzelle gegeben. H.s Angaben hätten allerdings noch nicht verifiziert werden können, heißt es im Bericht weiter.

Offenbar wurde der junge Mann wieder wichtig, denn das LKA drängte auf das erneute Treffen, bestätigt Sprecher Horst Haug. Es gebe aber keinen Zusammenhang zu dem Tod. Das Innenministerium bestätigte gestern, dass sich Florian H. im Ausstiegsprogramm „Big Rex“ für Rechtsextreme befand. Es gebe Hinweise, dass er sich nie von der rechten Szene getrennt habe.

Die Polizei sieht den Fall dennoch ganz klar als Suizid – obwohl es keinen Abschiedsbrief gibt, wie Thomas Ulmer bestätigt. „Wenn ein Zeuge sieht, wie ein Auto in Flammen aufgeht und keine weitere Person in der Nähe ist, dann ist die Sache für uns klar.“ Das Auto sei gegen 7 Uhr von einer Streife zwischen Wasen und Mercedes-Teststrecke gesehen worden – mit einer Person darin. Zwei Stunden später habe ein Zeuge das brennende Fahrzeug gemeldet. Die Ermittler fanden Reste von Brandbeschleuniger im Wrack.

Am Ort des Geschehens verteilen sich im Umkreis Fahrzeugtrümmer – es hatte auch eine Explosion gegeben. Die Behörde bestätigt das. Die Mutter des Verstorbenen zweifelt an einem Suizid, wie sie in einem Internetforum schreibt: „Er hatte so viele Träume, Wünsche und Ziele. Wer ihn gekannt hat, geht nicht von einem Suizid aus.“ Für den Anwalt Yavuz Narin, Nebenklägevertreter im Münchner NSU-Prozess, klingt der Fall suspekt. „Die Ermittler haben sich zu schnell auf Suizid fixiert“ – ebenso, wie zunächst ein rechtsradikaler Hintergrund bei den NSU-Morden ausgeschlossen wurde. Baden-Württemberg brauche dringend einen eigenen Untersuchungsausschuss.