Stuttgart / HANS GEORG FRANK  Uhr
Der NSU-Ausschuss des Landtags vermisst "eines der wichtigsten Beweismittel" in einem mysteriösen Fall. Es geht um das Handy aus einem Auto, in dem ein Neonazi starb, ehe die Polizei ihn befragen konnte.

Wolfgang Drexler, Vorsitzender des NSU-Ausschusses des Landtages, misst einem verschwundenen Handy hohe Bedeutung bei für die Aufklärung des rätselhaft erscheinenden Todes eines jungen Neonazis. Florian H. starb im Herbst 2013 in seinem brennenden Auto, bevor er wenige Stunden später vom Landeskriminalamt befragt werden konnte. Er soll angeblich gewusst haben, wer hinter dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn steckt. Das Verbrechen wird dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) angelastet, dessen Verbindungen nach Baden-Württemberg und eventuelle Pannen der Ermittler den Untersuchungsausschuss beschäftigen.

Florians Familie glaubt nicht an Suizid. Bevor der 21-Jährige starb, habe er einen Anruf erhalten, der ihn stark beunruhigt habe, sagten die Angehörigen. Die Polizei stellte die Ermittlungen sehr rasch nach Auffinden der Leiche ein. In dem Autowrack wurden Habseligkeiten des Opfers offenbar übersehen und nicht ausgewertet. Dazu gehört, neben einem Camcorder und einem Laptop, ein Mobiltelefon, das die Familie zwischen den Vordersitzen gefunden haben will.

"Wir brauchen dieses Handy, damit wir wissen, was da abgelaufen ist", sagte Drexler. Möglicherweise könne festgestellt werden, ob über dieses Gerät eine Fernzündung in dem Auto ausgelöst worden sei. Doch die drei Objekte hatte die Familie dem Berliner Rechtsextremismusexperten Hajo Funke zur Auswertung anvertraut. Zwar wurde "schnellstmögliche Rückgabe" zugesichert, doch seit 17. März bemüht sich der Ausschuss vergeblich darum. Gestern sollte der Dreierpack bei der 18. Sitzung übergeben werden. Dazu kam es nicht - das Handy ist spurlos verschwunden.

Der Ausschuss hat "eines der wichtigsten Beweismittel" nie gesehen. Funke hatte dessen Existenz zunächst bestätigt, jetzt teilte er dem Gremium mit, er wisse nicht, ob er es überhaupt bekommen habe. Er habe das ganze ungeöffnete Paket an einen befreundeten Sachverständigen in Bayern weitergeleitet, gab Drexler bekannt. Über mehrere Personen soll der Rucksack nun zu Familie H. gebracht worden sein. Der Abgeordnete Jürgen Filius (Grüne) fand es "ein wenig irritierend", dass die Rückgabe "im Geheimbereich vonstatten gegangen" sein soll.

Drexler wird jetzt auf einstimmigen Beschluss des Ausschusses mit der Familie H. reden, "um die Gegenstände zu bekommen". Auch zusammen mit Funke soll er deren Weg nachvollziehen. Sollte nichts dabei herauskommen, werde erneut beraten. Eine mögliche Beschlagnahme oder Hausdurchsuchung ließ der SPD-Politiker unerwähnt. Er setzt auf die Kooperationsbereitschaft der Familie.

Diese schaltete einen Rechtsanwalt ein, der den Ausschuss in einem Brief heftig kritisierte. "Ungebührliche öffentliche Verlautbarungen, Indiskretionen und offenbar fehlende Fachkompetenz" einiger Mitglieder hätten das Vertrauen der Familie nachhaltig beschädigt. Die Diskussion über Verbleib und Bedeutung der Asservate könne ihre Sicherheit gefährden. Der Anwalt verlangt von Drexler den Abschluss eines öffentlich-rechtlichen Vertrages. Darin soll auch festgelegt werden, "dass die zur Verfügung gestellten Gegenstände nicht in die Hände von Beamten oder sonstigen Bediensteten des Landes gelangen, die in der Vergangenheit als Mitglied oder Anhänger einer rechtsextremen Gruppierung in Erscheinung getreten sind".

Florians Erkenntnisse über die Mittäterschaft an dem Mord vor acht Jahren sind ungewiss. Angeblich soll er bereits vor dem Auffliegen der Terrorzelle von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe im November 2011 von einem "NSU" mit mehr als drei Mitgliedern gesprochen haben. Der Generalbundesanwalt geht jedoch davon aus, dass Böhnhardt und Mundlos auf Kiesewetter und ihren Kollegen geschossen haben.

Erster Soko-Chef sieht keine Versäumnisse

Bilanz Frank Huber war bis September 2009 der erste Chef der Sonderkommission, die den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn aufklären sollte. "Wir hatten alles Menschenmögliche getan, aber wir haben es nicht geschafft", zog er gestern vor dem NSU-Ausschuss sehr selbstsicher sein persönliches Fazit. Es habe "keinerlei Anhaltspunkte und belastbaren Hinweise" gegeben auf die Täter und deren Motiv, sagte er.

Großeinsatz 550 Polizeibeamte waren an jenem 25. April 2007 alarmiert worden. Außerdem, so Huber, seien auch Einheiten ohne Auftrag nach Heilbronn geeilt. Dazu gehörte das Mobile Einsatzkommando aus dem mehr als 50 Kilometer entfernten Bruchsal, das nach etwa 30 Minuten am Tatort war.