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NSU
Stuttgart / THUMILAN SELVAKUMARAN  Uhr
Ein Rentner erzählt von einem Blutverschmierten, ein Ehepaar will flüchtende Männer gesehen haben. Der NSU-Ausschuss stellt die Glaubwürdigkeit der Zeugen nicht in Frage – aber den Bezug zum Polizistenmord.

Es ist die wesentliche Frage des NSU-Untersuchungsausschusses: Wer hat die Polizistin Michele Kiesewetter erschossen? Für die Bundesanwaltschaft ist klar: Es waren nur Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt vom Nationalsozialistischen Untergrund. Zweifel hat unter anderem Jürgen Filius (Grüne). Als er am Montag Axel M. befragt, einst Chef der Soko „Parkplatz“, welche Indizien denn auf Heilbronner Seite für die Täterschaft der beiden Uwes sprechen, zögert dieser kurz und sagt: „Nichts“. Indizien gebe es in Thüringen. In dem ausgebrannten NSU-Wohnmobil tauchten 2011 die Dienstwaffen von Kiesewetter und ihrem Kollegen auf. In Zwickau wurden die Tatwaffen gefunden.

Viereinhalb Jahre vor dem Fund, am 25. April 2007, wurde Kiesewetter auf der Theresienwiese in Heilbronn getötet. Der mittlerweile 63-jährige Anton M. war mit dem Rad unterwegs. Nahe der Neckarbrücke am Wertwiesenpark kam ihm gegen 14.20 Uhr eine Frau mit Kopftuch entgegen, dahinter zwei Männer. „Ein stabiler Junge, der andere schlank“, berichtet M. als Zeuge. Einer habe blutige Hände gehabt. „Ich dachte, die haben sich wegen dem Mädchen gestritten.“ Der Blutverschmierte sei runter an den Neckar und habe sich die Hände gewaschen, die anderen hätten sich auffällig verhalten. „Ich habe noch gefragt: Brauchen Sie Hilfe?“

M. hat sich nicht gleich bei der Polizei gemeldet. „Ich dachte, die sind schon auf der richtigen Spur.“ Als aber zwei Jahre später öffentlich wurde, dass die Polizei durch kontaminierte Spurentupfer auf Irrwegen war, wandte sich M. doch noch an sie. Die Wertung des LKA: der Zeuge scheint glaubwürdig, die Zeiten und Wege passen zudem zu der Tatrekonstruktion, so Axel M. – nicht nur das: Die Angaben korrespondierten mit denen von drei weiteren Zeugen, darunter das Ehepaar K. – keine der Angaben aber passen zu Böhnhardt oder Mundlos.

Das Paar K. hatte am Mordtag beobachtet, wie ein Mann offensichtlich vor dem Polizeihubschrauber flüchtete. Das Paar, dass sich gleich bei der Polizei gemeldet hatte, wurde später mehrfach befragt – zuletzt vor vier Monaten, berichtet Zeliha K.. Ermittler hätten ihr neue Bilder vorgelegt, auf denen sie einen Mann erkannt habe: Dieser sei vor acht Jahren ebenfalls auf dem Wertwiesenpark geflüchtet. „Der war schwarz gekleidet und hatte einen Rucksack.“ Vorsitzender Wolfgang Drexler (SPD) ist über die neuen Ermittlungen „ganz überrascht“. Es müsse geklärt werden, von welcher Behörde die Beamten stammten und wen das Foto zeige. Drexler erhofft sich neue Spuren. Denn mit Auffliegen des NSU waren die Ermittlungen von der Staatsanwaltschaft auf Mundlos und Böhnhardt fixiert worden – trotz Widerstands des LKA. Denn diese halten die Angaben der Zeugen für schlüssig.

Eine verpasste Chance? Jürgen Filius kritisiert, dass die Staatsanwaltschaft „zu eng“ agiert habe. Drexler bemerkt, dass es immerhin „Helfer vor Ort“ gewesen sein könnten. Ulrich Goll (FDP) glaubt dagegen nicht, dass es sich bei den Beobachteten um Mord-Helfer handelte. „Wer wäre so blöd gewesen, dort eine halbe Stunde nach der Tat gemütlich zu gehen?“ Das meint auch Matthias Pröfrock (CDU): „Es wäre eine weitere Sackgasse gewesen, in die man weiterermittelt hätte.“

Die Grünen sehen allerdings die Sackgasse als selbstgemacht an. Alexander Salomon etwa kritisiert, dass mögliche Verbindungen zwischen deutschen und osteuropäischen Neonazis nicht untersucht worden waren. Immerhin hat ein Zeuge von „Dawei, Dawei“-Rufen eines Flüchtenden berichtet. Filius spricht die Zeugin Theresa F. an, die bei der Schussabgabe nah am Tatort stand und von drei flüchtenden Männern berichtet hat. Aber auch da hatte die Staatsanwalt ihre Grenzen gesetzt.

Der Fall Kiesewetter
Am 25. April 2007 wird in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen und ihr Kollege Martin A. schwer verletzt. Die Bundesanwaltschaft vermutet die Täter im Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), doch daran gibt es starke Zweifel. Schlampige Ermittlungen, geschwärzte Akten, plötzlich verstorbene Zeugen begleiten den Fall. Und rechtsradikale Umtriebe – wieviel wusste der Verfassungsschutz davon? Wir haben Zeugen befragt, Akten studiert und Politiker interviewt, die um Aufklärung kämpfen. Ein Dossier zu einem der rätselhaftesten Verbrechen unserer Zeit, finde Sie unter www.swp.de/kiesewetter