Dunkle Jeans, schwarzes Hemd, silberne Krawatte: Der Kriminalhauptmeister auf dem Zeugenstuhl zögert. "Ich bitte darum, dass die Fragestellung nicht unter der Gürtellinie verläuft." Mike W. ist zwar als ehemaliger Staatsschützer im Bereich Rechtsextremismus erfahren, war gar bei einer Hausdurchsuchung bei Tino B. beteiligt, dem Chef des Thüringer Heimatschutzes, aus dem der "Nationalsozialistische Untergrund" entstanden sein soll. Der Grund, wieso der 49-Jährige vor den NSU-Untersuchungssausschuss geladen wurde, ist aber ein anderer: W. ist der Onkel Michèle Kiesewetters, der Polizistin, die am 25. April 2007 mutmaßlich von NSU-Terroristen in Heilbronn getötet wurde.

In einer Befragung am 3. Mai 2007, einen Tag nach der Beerdigung seiner Nichte, hatte W. einen möglichen Zusammenhang zwischen den "Türken-Morden" und dem an der Polizistin genannt. Doch wie konnte der Onkel das vier Jahre vor Auffliegen des NSU wissen? Wegen der verwendeten Kaliber und weil wohl Fahrradfahrer involviert waren, sagt er am Freitag in Stuttgart. Der Hinweis eines Kollegen habe ihn darauf gebracht.

Ausschussvorsitzender Wolfgang Drexler (SPD) wundert sich: Das Kaliber der Ceska, der neun Menschen zum Opfer fielen, war aber ein anderes als das der Tatwaffen in Heilbronn. Zudem gibt es keine Hinweise, dass die Täter in Heilbronn mit Fahrrädern unterwegs waren. Eine plausible Begründung für die Mutmaßung können aber weder Mike W. noch sein Kollege Uwe M. von der Polizeiinspektion Saalfeld nennen. Sie hätten damals einfach nach jedem Strohhalm gegriffen.

Stattdessen tauchen weitere Ungereimtheiten auf. So versichern beide Beamte, dass der Zeitpunkt der Befragung nicht so kurz nach dem Tod der Nichte war, sondern Wochen, wenn nicht gar ein Jahr später - obwohl das Vernehmungsprotokoll mit dem frühen Datum durch Mike W. unterschrieben ist.

Wütend reagiert W. auf Fragen zum familiären Hintergrund. Immer wieder waren Vorwürfe aufgetaucht, Kiesewetter und deren Angehörige hätten selbst Kontakte in die rechte Szene gehabt.

In Oberweißbach hätte es solche Leute nicht gegeben, so W. - lediglich Personen, die gelegentlich mal Hakenkreuze gesprüht und "Sieg Heil" gebrüllt hätten, aber "keine, die straffällig wurden". Thematisiert wird auch die örtliche Gaststätte. Dessen damaliger Pächter war einst mit Beate Zschäpe liiert und ist der Schwager des in München mitangeklagten Ralf Wohlleben. Die Lokalität sei kein rechter Szene-Treff gewesen, ist W. aber überzeugt.

Dass es doch rechte Kontakte in Kiesewetters Umfeld gab, behauptete unter anderem die einstige Lebensgefährtin des Onkels, Anja W.. In Stuttgart spricht aber nur ihr Ex-Freund. Er stellt Anja W. als "hochintelligent, aber psychisch krank" dar. Damit begründet er, wieso sie ihn nach einer Befragung durch die Polizei in einer SMS "Verräter" genannt hat. Auch zum Hinweis von Anja W., Kiesewetter sei in einen Vorfall am Rande Oberweißbachs verwickelt gewesen, der sie belastet habe, sagt der Onkel: "An so einen Vorfall kann ich mich nicht erinnern."

Licht ins Dunkel bringt W. am Freitag nicht. Er selbst rätsele noch nach dem Motiv: "Für mich ist das unerklärlich. Ich kann mir das Warum nicht erklären." Er könne lediglich ausschließen, dass seine Nichte ein gezieltes Opfer wurde - trotz der Verbindungen des NSU in die Heimatregion der Polizistin.

Fortsetzung folgt

Offene Fragen Der NSU-Untersuchungsausschuss will dem im März 2016 neu zu wählenden Landtag die Empfehlung geben, einen neuen Ausschuss zum Komplex einzusetzen. Die Fülle der noch offenen Fragen könnten in den verbleibenden fünf Sitzungen bis zum 7. Dezember nicht thematisiert werden, sagte Ausschussvorsitzender Wolfgang Drexler (SPD). Daher liege der Fokus bei den nächsten Sitzungen ausschließlich auf dem Heilbronner Polizistenmord. Dann müsse der Abschlussbericht verfasst werden. Der neue Ausschuss - sofern vom Landtag eingesetzt - soll sich unter anderem mit Bezügen des NSU nach Baden-Württemberg befassen. Nun räumt Nikolaos Sakellariou (SPD) ein, dass es falsch war, auf die Enquete-Kommission zu bestehen, wodurch für den U-Ausschuss nur zehn Monate Zeit blieben.