Drogen NPS-Drogen: Gefährlich und unberechenbar

„Research Chemicals“, Legal Highs oder kurz NPS fluten den Markt.
„Research Chemicals“, Legal Highs oder kurz NPS fluten den Markt. © Foto: Getty Images
Kerstin Vlcek 01.03.2017

Finger weg von Ecstasy-Pillen mit Schmetterlingssymbol, warnte das Polizeipräsidium Aalen erst vor ein paar Tagen. Der Grund: die Tabletten sind aus sogenannten Research Chemicals hergestellt worden. Dabei handelt es sich um chemische Reinsubstanzen, deren Wirkungen unberechenbar und bisher kaum erforscht sind. Ein junges Pärchen aus dem Kreis Schwäbisch Hall hatte die Einnahme der Droge fast mit seinem Leben bezahlen müssen. Kein Einzelfall: Im Bodenseeraum sind seit Anfang des Jahres drei Personen nach Konsum dieser Drogen gestorben.

Mit dem Vormarsch der Stoffe steigt auch die Zahl der Toten: 2016 wurden die „neuen psychoaktiven Substanzen“ (NPS) – darunter fallen auch Research Chemicals – 14 Menschen in Baden-Württemberg zum Verhängnis. 2015 waren es laut Innenministerium noch vier. 2016 gingen damit bereits 8 Prozent der 170 Drogentoten im Land auf das Konto der NPS.

Diese Stoffe sind leicht im Internet zu beschaffen, ob als „Research Chemicals“ oder sogenannte Legal Highs in Form von Räuchermischungen und Bade­salzen. „Der Dealer des Vertrauens ist somit nicht mehr notwendig“, sagt Thomas Neugebauer vom Landeskriminalamt. Noch dazu sind viele der Sub­stanzen nach wie vor legal und suggerieren den Verbrauchern  Harmlosigkeit. Außerdem sind sie billiger als illegale Drogen und noch sehr aufwendig nachzuweisen.

Ein Anreiz für viele, vor allem junge Konsumenten. „Die Langzeitfolgen der Drogen sind völlig unbekannt und der Konsument macht sich selbst zum Versuchskaninchen“, erklärt Philipp Weber, Sozialarbeiter beim Drogenhilfeverein Release in Stuttgart.

Zwar wurde im November das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz erlassen, das zwei Stoffgruppen und damit rund zwei Drittel der im Umlauf befindenden Substanzen verbietet: synthetische Cannabinoide und Phenethylamine. Die aber nicht allumfassend. „Bei den Cannabinoiden gibt es nach wie vor Schlupflöcher“, erklärt Prof. Volker Auwärter,  Toxikologe am Uniklinikum Freiburg und Experte in Sachen NPS.

Sobald aber ein Stoff verboten wird, taucht auch schon ein neuer auf. „Vor allem synthetische Opioide haben in letzter Zeit Probleme gemacht.“ Darunter der Stoff U-47700. Dieser hat bereits zu Todesfällen geführt. „Halbwissen, falsche Dosierung und fehlende Erfahrung im Umgang mit den Substanzen machen die NPS so gefährlich“, sagt Auwärter. Die Folge: Übelkeit, Ohnmacht, Panik­attacken, Psychosen oder Tod. „Die Konsumenten spielen mit ihrer Gesundheit, denn eine Dosierungsanleitung ist nie dabei“, sagt Neugebauer vom Landeskriminalamt.

Im Kampf gegen die NPS setzten Polizei und Suchtberatungen auf Prävention und Aufklärung. „Das Thema NPS taucht immer häufiger in Beratungsgesprächen auf“, sagt Christoph Weber, Sozialarbeiter bei der Drogenhilfe Freiburg. Auch Philipp Weber von Release kann den Trend bestätigen. Sie warnen vor allem vor Mischkonsum. „Wir hatten einen Klienten, der  acht verschiedene Substanzen genommen hat, die sich extrem auf seine Psyche und seinen Körper ausgewirkt haben“, erzählt Christoph Weber.

Im Umlauf sind NPS bereits seit 2007, mittlerweile sind es mehr als 560 verschiedene Substanzen. Jährlich kommen fast 100 neue hinzu, die dem Frühwarnsystem der europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht gemeldet werden. „Ein Ende des Trends ist nicht in Sicht“, so Auwärter. Die Produzenten der meisten NPS sitzen in China, sie verschicken dann die Ware nach Europa.

Die Flut der Drogen aufzuhalten ist schwierig. Probleme bereite unter anderem, dass es keinen zentralen Mechanismus bei der Meldung von NPS gebe. Auch fehlt eine differenzierte Auswertung der Substanzen durch Fachleute, sagt Auwärter. „Ab Sommer wollen wir im Rahmen eines EU-Projekts das Monitoring weiter vorantreiben“,  erklärt er.

Auwärter und Drogensuchtberater würden außerdem den Einsatz des sogenannten Drug-Checkings für sinnvoll halten. Dabei können etwa Partygänger ihre Drogen auf gefährliche Stoffe untersuchen lassen. In Österreich und der Schweiz wird das Instrument zur Drogenprävention eingesetzt. In Deutschland stellt sich die Politik quer – was bei Suchtberatern auf Unverständnis stößt. „Dadurch könnte viel Schaden verhindert werden“, sagt der Toxikologe Auwärter.

Thomas Neugebauer vom LKA ist indes skeptisch. „Die Schnelltests zeigen zwar, dass etwas drinnen ist, aber nicht was.“ Außerdem könnten Dealer dann ihre Ware testen lassen und damit bei Konsumenten hausieren gehen. Dies täten sie laut Auwärter aber auch so schon.

Mit Inkrafttreten des NPS-Gesetzes ist nun zumindest ein erster Schritt getan, sagen Experten. So wurden beim Hersteller und Verkäufer der „Schmetterlingspillen“ Inhaltsstoffe gefunden, die unter die neue Regelung fallen und ihm eine Freiheitsstrafe einbringen könnten.

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Schwankungen

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