Trassenpläne   Neue Stromtrassen: Südlink-Planer informieren Anwohner

Das Umspannwerk Großgartach bei Heilbronn wird zur Endstation des Erdkabelprojekts „SuedLink“. Auf dem Gelände sollen zwei jeweils 20 Meter hohe Hallen für den Konverter zum Umwandeln von Gleich- in Wechselstrom errichtet werden.  Foto: Hans Georg Frank
Das Umspannwerk Großgartach bei Heilbronn wird zur Endstation des Erdkabelprojekts „SuedLink“. Auf dem Gelände sollen zwei jeweils 20 Meter hohe Hallen für den Konverter zum Umwandeln von Gleich- in Wechselstrom errichtet werden. Foto: Hans Georg Frank © Foto: Foto: Hans Georg Frank
HANS GEORG FRANK 08.10.2016

Ralf Steinbrenner, Bürgermeister von Leingarten, sieht seine Gemeinde vor einem epochalen Ereignis: „Die Schlagader der Nation wird hier ankommen.“ Damit meint er die geplante Verlegung eines Erdkabels von der Nordsee bis in seine Kommune bei Heilbronn. Ursprünglich sollte der Windstrom aus dem Norden mittels Leitungen und Stahlmasten in den Süden geleitet werden. Wegen Widerständen aus der Politik – Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sprach von „Monstertrassen“ – und aus der Bevölkerung, wird nun das etwa 15 Zentimeter dicke Kabel 1,80 Meter tief im Boden verlegt. 700 Kilometer wird diese „Stromautobahn“ lang sein, davon 100 Kilometer auf baden-württembergischem Gebiet. Wenn einmal alles fertig ist, wird Gras darüber wachsen.

Das Umweltministerium, das auch für die Energiewirtschaft verantwortlich ist, und der Netzbetreiber Transnet haben zum „Bürgerdialog“ in die Leingartener Festhalle eingeladen, dem ersten von insgesamt 40 in sechs Bundesländern. Gut 100 Interessierte waren gekommen. Sie konnten sich von rund 20 Experten an fünf „Themeninseln“ alle Fragen beantworten lassen. Etwa nach der Entschädigung für Grundstücksbesitzer: 20 Prozent des Verkehrswerts. Nach Beschränkungen auf der 15 Meter breiten Trasse: Landwirtschaft ja, keine Bäume, keine Häuser. Wie sieht es mit der Erwärmung aus? Das Kabel wird bis zu 40 Grad warm, laut einer Freiburger Studie ist dies „bodenökologisch unbedeutend“.

Eine Gefahr für die Bevölkerung, wie von einer Frau befürchtet, bestehe auch bei einem Terroranschlag auf den Konverter (Umwandler) in Leingarten nicht, versicherte Transnet-Geschäftsführer Werner Götz: „Da ist nichts, was explodieren könnte.“ Auch Chemikalien würden dort nicht gelagert.

Man konnte aber auch zuhören, was Minister Franz Untersteller (Grüne) über das mit zehn Milliarden Euro teuerste Infrastrukturprojekt der Energiewende zu sagen hat. Die Kosten seien „nichts, was diese Volkswirtschaft umbringt“. Doch mit der Graben-Lösung verzögert sich die Fertigstellung. Zwar wird von allen Seiten betont, dass das allerletzte Atomkraftwerk in Neckarwestheim spätestens am 31. Dezember 2022 abgeschaltet wird. Aber „SuedLink“, wie die verkabelte Stromzufuhr heißt, wird erst 2025 fertig. Diese Lücke von drei Jahren sei unproblematisch, weil Reservekraftwerke vorgehalten werden müssen. Diese Reserve dürfte um die vier Milliarden Euro kosten. „Die Versorgungssicherheit ist nicht gefährdet“, betonte Untersteller. Ihm liegt daran, dass „SuedLink“ möglichst rasch ans Netz gehen kann, denn für die Überbrückung müssten „nicht selten alte Kohlekraftwerke mit entsprechend hohen CO2-Werten“ betrieben werden.

Die öffentliche Aussprache ist auch ganz im Sinn der Bundesnetzagentur. „Das Genehmigungsverfahren soll nicht am Bürger vorbei geführt werden“, erklärte der für den Netzausbau zuständige Abteilungsleiter Matthias Otte. Er versprach „volle Transparenz“. Der Heilbronner Anti-Atom-Aktivist Franz Wagner ist dennoch gar nicht zufrieden. Er möchte im Südwesten mehr Speicher bauen, viel mehr dezentrale Windräder. In Wahrheit gehe es der Politik nur darum, „wie können wir den Großkraftwerken noch mehr zuschustern“.

Am Trassenverlauf wird schon intensiv getüftelt. Dafür wurden Korridore ausgesucht, die bis zu einem Kilometer breit sind. Nun geht es an die Feinabstimmung. Dabei sollen die ortskundigen Bürger mithelfen. Sie können nicht nur ihre Bedenken einbringen, sie können auch auf unerwartete Hindernisse wie Quellen, Neubaugebiete, Windparks hinweisen, die noch nicht in den Unterlagen verzeichnet sind.

Dafür ist der „Dialogprozess“, diese Mischung aus Information und Mitwirkung, auch gedacht. „Wir wollen eine möglichst große Akzeptanz“, sagte Untersteller. Er rief die Bürger auf, „frühzeitig mitzureden und die Planungen positiv zu beeinflussen“. Bei Transnet können Vorschläge und Anregungen bis 29. November eingereicht werden. „Jetzt wird der Teig geknetet“, appellierte auch Peter Ahmels von der Deutschen Umwelthilfe.

Für den Umweltminister markiert „SuedLink“ nichts weniger als den „Übergang von der alten Welt in die neue Welt“. Die Bürgermeister und Landräte in den betroffenen Kommunen und Kreisen wurden bereits von Transnet informiert. „Die Stimmung war gut“, berichtete Leingartens Rathauschef Steinbrenner, „jeder ist froh, dass keine Masten kommen.“

Fakten zur Planung

1 Die Bundesnetzagentur hat für „SuedLink“ Geradlinigkeit vorgeschrieben. Davon kann bei „Raumhindernissen“ abgewichen werden.

2 Dabei handelt es sich um rund 40 Kriterien wie Siedlungen, Naturschutzgebiete, Wald, Mittelgebirge, Gewässer. Die Einteilung erfolgt in vier Kategorien, dabei ist RWK 1* etwa bei Truppenübungsplätzen absolut tabu.

3Für den optimalen Streckenverlauf zwischen Brunsbüttel und Leingarten haben Spezialisten mit besonders leistungsfähigen Computern 25 Prozent der Fläche Deutschlands in 50-Meter-Quadrate eingeteilt.

4Diese Raster enthalten die farbliche Analyse der Raumwiderstände. Je grüner der Streifen, desto geeigneter ist er für die Trasse.  hgf

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