Stuttgart Neue Strategie gegen Analphabetismus: Kurse am Arbeitsplatz

Eine Analphabetin lernt schreiben. Staatssekretärin Marion von Wartenberg: "Es gibt eine zweite Chance. Du musst dich nicht verstecken."
Eine Analphabetin lernt schreiben. Staatssekretärin Marion von Wartenberg: "Es gibt eine zweite Chance. Du musst dich nicht verstecken." © Foto: Maria Müssig
DPA 09.01.2016
Eine Million Menschen im Südwesten können nicht richtig lesen und schreiben. Das Land will versuchen, sie über ihre Arbeitgeber aus der Verborgenheit zu holen - was beiden Seiten Vorteile bringen kann.

Über Projekte am Arbeitsplatz will das Land mehr Analphabeten aus ihrer Isolation helfen. Fast 60 Prozent der geschätzt etwa eine Million Analphabeten in Baden-Württemberg seien erwerbstätig, betonte Kultus-Staatssekretärin Marion von Wartenberg (SPD) am Freitag in Stuttgart. Diese sollen gezielt mit einer neuen Kampagne erreicht und ermutigt werden, endlich Schreiben, Lesen und Rechnen zu lernen. "Wir wollen ihnen sagen: Es gibt eine zweite Chance. Du musst dich nicht verstecken", sagte von Wartenberg.

Aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) stünden bis 2018 landesweit 1,2 Millionen Euro für Angebote von zwölf Trägern zur Verfügung. Das Projekt "Arobi - Arbeitsplatzorientierte Grundbildung" etwa der Volkshochschule (VHS) Stuttgart soll helfen, dass sich die Betroffenen für verschiedene Grundbildungskurse öffnen. Man trete bewusst nicht mit dem Begriff Alphabetisierungskurs an die Mitarbeiter heran, sondern mit Kursen zum Protokolle-Schreiben oder zu Mathematik am Arbeitsplatz.

Direkt nach der Schule sei es schwer, die jungen Menschen zu erreichen, da viele nach schlechten Erfahrungen alles Schulische strikt ablehnten. "Sie lesen nicht mehr, sie schreiben nichts mehr und verlieren die wenigen erworbenen Kenntnisse", sagte Wolfgang Nagel von der Stuttgarter VHS. Die Hoffnung auf Kontakt liege nun beim Weg über den Arbeitsplatz.

Dazu wolle man die Unternehmen ins Boot holen, hieß es, die ein Interesse an der Grundbildung ihrer Mitarbeiter hätten. Die Firma bestimme mit, welche Angebote gemacht werden sollen. Sie habe den Vorteil, ihre Mitarbeiter besser einsetzen zu können. Und der Mitarbeiter könne etwas für die Sicherung seines Arbeitsplatzes tun. Von Wartenberg sprach von "win-win". Konkrete Zusagen von Unternehmen würden in den nächsten Monaten erwartet. Ein prominenter Botschafter ist aber schon mal gefunden: der Porsche-Betriebsratsvorsitzende Uwe Hück. Laut einer Studie steigt der Anteil funktionaler Analphabeten mit dem Alter an: Während es in der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen rund 13 Prozent sind, sind es in der Gruppe der 50- bis 64-Jährigen 16 Prozent.