Neckarwestheim Neckarwestheim: Hohlräume unter dem Reaktor?

Das Neckarwestheimer Atomkraftwerk, gebaut auf einem Steinbruchgelände: Wie sicher ist der Untergrund?
Das Neckarwestheimer Atomkraftwerk, gebaut auf einem Steinbruchgelände: Wie sicher ist der Untergrund? © Foto: Martin Kalb
Neckarwestheim / HANS GEORG FRANK 27.10.2014
Experten streiten weiter über die Standsicherheit des Neckarwestheimer Atomkraftwerks. Für Kritiker ist es ein Skandal, dass das Umweltministerium nicht alle denkbaren Untersuchungen veranlasst.

Hermann Behmel befasst sich schon seit 1978 mit dem Untergrund des Steinbruchs bei Neckarwestheim, in den zwei Atomkraftwerke gestellt worden sind. Die Analysen des Geologen fielen stets negativ aus. Für den Fachmann ist der Standort wegen angeblicher Hohlräume im Muschelkalk ungeeignet. Mittlerweile 75 Jahre alt geworden, bleibt der Wissenschaftler bei seiner Warnung. Nach einer Akteneinsicht beim Umweltministerium sieht er "die Zweifel an der Betriebssicherheit bestätigt".

Doch der Stuttgarter gleicht dem einsamen Rufer in der Wüste. Bei Kollegen und Aufsehern bleiben seine Befürchtungen weitgehend ungehört. Immerhin, tröstet er sich, sei seinetwegen ein Gutachter beauftragt und die Dauerüberwachung des Geländes veranlasst worden. "Ich fühle mich nicht widerlegt, das ist nur ein Interpretationsunterschied", sagte der Geologe nach einer Sitzung der Informationskommission für das Atomkraftwerk Neckarwestheim. Dabei erklärten das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) und das Umweltministerium als Aufsichtsbehörde, es gebe "keine Hinweise auf eine Gefährdung der kerntechnischen Sicherheit".

Dabei werden anscheinend nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um größtmögliche Gewissheit zu haben. 2006 hatte der Geologe Gerd Gudehus von der Universität Karlsruhe wachsende Hohlräume durch Sulfatauswaschungen unter dem Reaktor des Gemeinschaftskernkraftwerks (GKN) nicht mehr kategorisch ausgeschlossen. Gudehus war einer jener beauftragten Gutachter, die einst mit ihrer Expertise den Weg frei machten für Block 2, weil er das Gelände als "grundsätzlich geeignet" eingeschätzt hatte. Der damalige Wirtschaftsminister Martin Herzog lobte 1988 seine "überzeugenden Ausführungen".

18 Jahre später empfiehlt Gudehus eine genaue Überprüfung des problematische Untergrunds durch Schrägbohrungen. "Trotz hoher Kosten und schwieriger Zugänglichkeit", heißt es im Gutachten, sehe er in dieser Methode "einen substanziellen Sicherheitsgewinn", um "Hohlräume von über 5 Meter Größe definitiv auszuschließen zu können". Das Umweltministerium, das der Grüne Franz Untersteller führt, erwartet von der Bohrung jedoch "keinen hohen Erkenntnisgewinn", erfuhr die Info-Kommission in Neckarwestheim. Es sei zwar versucht worden, Spezialisten für die nachträgliche Erkundung des Geländes zu finden: "Das hat sich aber alles zerschlagen."

Für Wolfram Scheffbuch vom Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar ist der Verzicht auf Gewissheit "ein Skandal ersten Ranges": "Wenn man das nicht messen kann, muss das AKW stillgelegt werden." Kritiker verweisen ebenso wie Behmel auf ein Atom-Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom Januar 1989, wonach eine Genehmigungsbehörde sich nicht auf "eine herrschende Meinung" verlassen dürfe, sondern "alle vertretbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse in Erwägung ziehen" müsse.

Wie instabil der Bauplatz am Neckar ist, zeigte sich am Kühlturm für Block 2. An dem Betonkoloss wurden Setzungen von mehr als zehn Zentimeter registriert. Mehrfach musste seit 1991 für mehrere Millionen Euro Zement injiziert werden, um das Absacken zu stoppen. Aus einem Bereich, der vor Baubeginn nicht untersucht worden war, wurden seither 10 500 Kubikmeter lösliches Material ausgeschwemmt. Eine Gefahr sieht das Ministerium dennoch nicht. Es werden zwar "starke Setzungen" eingeräumt, aber der in einer "Störungszone" errichtete Kühlturm habe "keine sicherheitstechnischen Aufgaben". Auch das LGRB schließt "kritische, schwer beherrschbare Auswirkungen der Lösung von Sulfatgestein im Untergrund der kerntechnisch relevanten Teile des GKN" aus.

Behmel geht dagegen von einer Zunahme der Gefährdung aus. Wegen der Auflösung von Gips rechnet er mit Einbrüchen, die an der Oberfläche nicht zu sehen seien. Aus Polit-Gründen sei der Steinbruch "in der Zeit der Atomeuphorie" für den Bau ausgesucht und "schönfärberisch bewertet" worden.

Besucherrekord beim Thema Baugrund

Transparenz Die im Jahr 2012 eingeführten Informationskommissionen in Neckarwestheim und Philippsburg sollen sich unter Beteiligung der Öffentlichkeit mit den Sicherheitsfragen der Atomkraftwerke im Land befassen. Das Gremium mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Verbänden hört dazu Experten an.

Resonanz In Neckarwestheim ist das Interesse der Öffentlichkeit bisher meist gering. "Ohne Medien wäre die Kommission eine wirkungslose Geschichte", sagte der Heilbronner Landrat Detlef Piepenburg als Vorsitzender. Dabei habe auch er in den Veranstaltungen "einiges dazugelernt".

Rekord 66 Stühle reichten in der letzten Sitzung aber nicht mehr aus, weil mehr Zuhörer kamen als jemals zuvor. Das Interesse galt der Diskussion über den Baugrund, über den seit Jahrzehnten gestritten wird. Die Fortsetzung folgt am 26. März 2015. hgf

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