Bei der Eskorte für den Atommüll auf dem Neckar rechnet das Polizeipräsidium Einsatz bisher mit „normalen Protesten“. Es gebe „keine Hinweise auf ein Gefährdungspotenzial“, sagte Präsidiumssprecher Jens Czechtizky der SÜDWEST PRESSE. Aber: „Wir sind auf alles vorbereitet.“ Mit Hundertschaften soll der erste Transport von hochradioaktiven Brennelementen auf einem deutschen Fluss gesichert werden.

Wann der Schiffskonvoi mit den ersten drei von insgesamt 15 Castor-Containern in Obrigheim ablegen wird, steht offenbar noch nicht fest. „Wir wissen es selber nicht“, sagte Czechtizky. Dass die Fahrt nach Neckarwestheim bereits nächste Woche losgehen wird, wie Gerüchteverbreiter vermuten, hält er für unwahrscheinlich. Die Einsatzkräfte seien zwar da, „aber wir werden nicht nur einen Tag Vorlauf haben“.

Dass auf den 52 Kilometer am und auf dem Neckar etwas passieren wird, lässt sich den Andeutungen der Anti-Atom-Allianz „Neckar castorfrei“ entnehmen. „Wir wollen Sand im Getriebe sein“, erklärte Sprecher Herbert Würth. Gemeint seien damit auch Blockaden der sechs Schleusen oder 23 Brücken. Außerdem würden Engstellen des Flusses ausgesucht, um die strahlende Fracht zu stoppen. Die Polizei hat kalkulierte Zwischenfälle in ihrer Taktik berücksichtigt. „Die Gegenseite wird uns mit der einen oder anderen Idee überraschen“, prophezeite Jens Czertizky.

Das Aktionsbündnis geht davon aus, dass die Fracht noch vor Pfingsten auf den Wasserweg geschickt werden kann. „Wir sind sicher, dass die Termine bereits feststehen“, sagte Würth. Seiner Ansicht nach werden nicht alle fünf Touren hintereinander abgewickelt: „Es wird eine längere Taktung geben, die sich über mehrere Monate erstreckt.“ Die Aktivisten wollen sich nichts entgehen lassen: „Wir beobachten permanent.“

Am Sonntag wird es eine Art Probelauf für Aktionen gegen die Castoren geben. Die Initiative will mit Booten auf dem Neckar und mit Fahrrädern auf dem Uferweg die Ablehnung der „Atommüll-Verschiebung“ zum Ausdruck bringen. Direkt gegenüber vom Neckarwestheimer Nuklearkomplex ist eine „Zwischenkundgebung“ geplant.

Zu den Beobachtern gehört nicht nur die Polizei. Auch Neckar­westheims Bürgermeister Jochen Winkler will sich informieren, „als Zaungast“. Von Protesten verspricht er sich keinen erfolgreichen Widerstand gegen den Atommüll aus einem anderen Standort: „Damit kann man nichts kippen.“ Am Freitag schickt die Gemeinde einen Brief an das Verwaltungsgericht in Berlin, um den Sofortvollzug der Transporterlaubnis durch das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) zu stoppen.

Extremer Zeitdruck

Seit fast einem halben Jahr habe sich die Gemeinde um Unterlagen für eine rechtliche Bewertung bemüht, damit die angekündigten juristischen Schritte eingeleitet werden könnten. Doch das BfE habe jetzt, mit dem Genehmigungsbescheid, nur den Hinweis verschickt, die Dokumente innerhalb von zwei Wochen nachzureichen. In der Zwischenzeit könnten durch die ENBW Fakten geschaffen werden: „Wir stehen unter extremem Zeitdruck, das ärgert uns.“ Dabei sei Neckarwestheim doch „nicht irgendein Einwender“, betonte Winkler, „wir sind die Standortgemeinde, deshalb erwarten wir einen respektvolleren Umgang.“ Die Castoren stünden 30 Jahre „oder noch viel länger“ in dem Zwischenlager, „aber das Verfahren wird jetzt durchgeprügelt“.

Späte Information


Der Zeitpunkt der Verlagerung der 342 Brennelemente aus Obrigheim nach Neckarwestheim bleibt weiter geheim. Die ENBW entspricht damit einer Auflage des Umweltministeriums als Aufsichtsbehörde. Erst wenn der Schiffsverbund mit der gefährlichen Fracht unterwegs ist, dürfen auch die Anlieger in 19 Kommunen wissen, was bei ihnen geschieht.

Die Öffentlichkeit werde „parallel zu den Transporten über den Verlauf des Vorhabens“ informiert, erklärte eine Sprecherin der Energie Baden-Württemberg. Sie verwies auf die Homepage des Unternehmens. hgf