Verkehr Wie der ADAC die Diesel-Nachrüstung testet

Abgasmessung an Diesel-Autos in Frankfurt (Oder): Der ADAC Württemberg arbeitet derzeit im Auftrag des Landes an einer neuen Testreihe.
Abgasmessung an Diesel-Autos in Frankfurt (Oder): Der ADAC Württemberg arbeitet derzeit im Auftrag des Landes an einer neuen Testreihe. © Foto: Patrick Pleul/dpa
Roland Muschel 03.01.2018
Der Versuch ist einmalig: Im Auftrag des Landes testet der ADAC Württemberg die Hardware-Nachrüstung von Diesel-Autos.

Können dreckige Diesel so nachgerüstet werden, dass sie im realen Betrieb auf der Straße die Grenzwerte einhalten und damit von  möglichen Fahrverboten in Stuttgart und vielen weiteren deutschen Innenstädten nicht betroffen wären? Und das zu Kosten, die eine  Nachrüstung mit Hardware, also mit einem Katalysator und einem „Adblue“-Tank, im Fall der Fälle zu einer echten Alternative zum Verkauf machen?

Für Millionen Besitzer von Dieselfahrzeugen der Euro-5-Norm ist das eine brennende Frage, und Thomas Kassner der Mann, der im ersten Quartal 2018 eine belastbare Antwort geben will.  Denn unter der Regie des Vorstands für Technik und Umwelt führt der ADAC Württemberg derzeit im Auftrag von Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) einen aufwendigen,  bundesweit einmaligen und möglicherweise folgenreichen Versuch durch: Der ADAC testet an vier verschiedenen Fahrzeugen vier verschiedene Systeme von vier verschiedenen Nachrüstern. Im ersten Quartal 2018  sollen die Ergebnisse vorliegen.

„Wir prüfen, ob eine Hardware-Nachrüstung bei Diesel-Fahrzeugen der Euro-5-Norm machbar ist, zu welchen Minderungen bei den Stickoxid-Emissionen das führt, aber auch zu welchen Kosten“, sagt Kassner in der Zentrale des ADAC Württemberg, die direkt am abgasgeplagten Neckartor liegt, Deutschlands dreckigster Ecke. Wenn die Ergebnisse vorliegen, sollen auch Prognosen erstellt werden: Wie viele Diesel-Fahrzeuge könnten bundesweit umgerüstet werden? Was würde das bringen für die Luft in Stuttgart und in anderen Städten?

Rund 300 000 Euro kostet der Versuch, die Hälfte davon übernimmt das Verkehrsministerium, die andere Hälfte der ADAC selbst. Europas größter Verkehrs­club hatte bereits ein Prototypen-Fahrzeug, einen VW Passat Variant 1.6 TDI, des Nachrüsters TwinTec überprüft. Die Messungen ergaben laut den im Mai 2017 bekanntgemachten Ergebnissen, dass der Stickoxid-Ausstoß des Euro-5-Dieselmotors in diesem Fall deutlich  reduziert werden kann. Rückschlüsse auf die Wirkung auf andere Fahrzeugtypen erlaubt der TwinTec-Versuch indes nicht.

Für das nun laufende, größer angelegte Projekt des Landes hat der ADAC auf dem Gebrauchtwagenmarkt vier gängige Mittelklasse-Fahrzeuge der Euro-5-Norm gekauft und auf sich zugelassen: eine Mercedes B-Klasse, einen Opel Astra, einen VW T5 und den Kleintransporter Fiat Ducato – allesamt keine Saubermänner, allesamt mit einer Fahrleistung zwischen 20 000 und 100 000 Kilometern auf dem Buckel. Verschiedene Motorisierungen, alle durchgängig gewartet.

Die vier Fahrzeuge hat der ADAC zuerst vermessen und dann zu den Nachrüstern gebracht. Anders als beim früheren Test mit dem VW Passat bestimmen nun Land und ADAC die Rahmenbedingungen, die Nachrüster müssen mit deren Vorgaben und deren Fahrzeugauswahl arbeiten. „Ein Nachrüster hat 30 Messfahrten gemacht, um zu testen, ob er sauber gearbeitet hat“, gibt Kassner einen Einblick.

Denn das Projekt ist komplex. Die Nachrüster müssen Tanks einbauen für die Harnstofflösung „Adblue“, die  Stickoxide im Abgas unschädlich machen soll. Sie müssen Heizungen einbauen, um „Adblue“ zu erwärmen, und einen Generator oder ein Düsensystem, um die Harnstofflösung ins Abgassystem zu leiten. Sie müssen eine Steuerung entwickeln, die die Zufuhr von „Adblue“ richtig dosiert. Und sie müssen Sensoren einbauen, die die Ergebnisse messen. „Die Steuerungssoftware ist bei manchen Fahrzeugen eine große Herausforderung“, sagt Kassner. Genauso der Einbau der Tanks. Denn die Befüllung soll für den Verbraucher möglichst einfach sein. Doch nur bei einem der Test-Fahrzeuge war neben dem Einfüllstützen für den Diesel-Kraftstoff bereits ein weiterer vorgesehen.

Neben dem Ausstoß an Emissionen wollen die Tester auch messen, wie viel „Adblue“ und wie viel Kraftstoff für die zusätzliche Abgasreinigung verbraucht wird; beides Kostenfaktoren.

Ausnahmegenehmigung für Test

„Wir beobachten auch, ob sich das Geräuschverhalten ändert und ob durch Änderungen am Auspuff langfristig Schäden entstehen könnten“, sagt Kassner. „Wir wollen für die Verbraucher ein optimales System haben, da sind die Kosten natürlich auch ein Faktor, nicht nur die Abgase.“

Am Ende der Tests werden die Fahrzeuge jeweils rund 5000 Kilometer mehr auf dem Buckel haben. Geprüft wird im ADAC-Technikzentrum im bayerischen Landsberg und auf den Straßen, jeweils nach den neuesten Messverfahren.  Damit die umgebauten Fahrzeuge im normalen Straßenverkehr zum Einsatz kommen können, hat das Land Baden-Württemberg für die Dauer der Tests eigens eine Ausnahmegenehmigung erteilt.

Sollte der von Hermann initiierte Großversuch ergeben, dass Hardware-Nachrüstungen sinnvoll und finanziell darstellbar sind, wäre die Bundespolitik gefordert, die gesetzlichen Rahmenbedingungen wie Zulassungsmodalitäten zu klären. Aber erst einmal wartet die Autowelt gespannt auf die Ergebnisse.

Am 22. Februar Verhandlung über Fahrverbote

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat für den 22. Februar 2018 einen Verhandlungstermin zu Fahrverboten in Düsseldorf angesetzt. Womöglich kommt es dabei gleich zu einer Entscheidung, sicher ist das aber noch nicht. Anders als bisher geplant könnte am selben Tag auch über Fahrverbote in Stuttgart beraten werden. „Der Senat denkt wegen der Sachnähe darüber nach, beides in einer Verhandlung zusammenzufassen“, teilte ein Gerichtssprecher am Dienstag auf Anfrage dieser Zeitung mit. Die Prozessbeteiligten seien bereits informiert und grundsätzlich einverstanden. In den kommenden Tagen könnte der Termin fixiert werden. Im Kern geht es in beiden Fällen um dieselbe Frage: Dürfen Kommunen selbstständig Fahrverbote verhängen?

Im Umfeld des Urteils dürften die Ergebnisse des ADAC-Versuchs zu möglichen Nachrüstlösungen viel Aufmerksamkeit erregen. Nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums hat auch die Bundesregierung   wissenschaftliche Untersuchungen zur Möglichkeit der Hardware-Nachrüstung von Diesel-Fahrzeugen beauftragt. Die Untersuchungen laufen demnach noch. dl/rol