Prozess Mutter wartet seit fast acht Jahren auf ihre Tochter

Hans Georg Frank 11.02.2017

Kein strafbares Verhalten erkannte das Landgericht Heilbronn bei einem Vater, der seine Tochter im Gazastreifen zurückließ. Der 34-jährige Ingenieur wurde vom Vorwurf der Kindesentziehung freigesprochen. Die Strafkammer korrigierte damit das Amtsgericht Schwäbisch Hall, das eine zweijährige Haftstrafe verhängt hatte.

Das Drama um Dinah ist ein ungewöhnlicher Fall, in dem Konfessionen und Politik eine wichtige Rolle spielen. Der aus Gaza-Stadt stammende Vater hatte 2009 seine damals vier Jahre alte Tochter mit in seine Heimat genommen, um sie den Eltern vorzustellen. Die Oma hat die Enkelin anscheinend so sehr ins Herz geschlossen, dass sie das Kind versteckte, als der Vater zurück nach Deutschland fliegen wollte. Dem Sohn gelang es offenbar nicht, seine Tochter ausfindig zu machen. Weil er seinen Urlaub bereits um vier Wochen überzogen hatte und angeblich um seinen Arbeitsplatz fürchtete, reiste er ohne Dinah nach Deutschland.

Die Mutter, eine aus der Ukraine stammende Christin, hatte trotz Bedenken der Reise in das Krisengebiet zugestimmt. In der Verhandlung wird allerdings deutlich, dass sie die Geschichte mit der Großmutter nicht glaubt. Sie macht dem Mann, von dem sie mittlerweile getrennt ist, auch den Vorwurf, dass er das Kind allein zurückgelassen hat.

Kontakt per Skype

Obwohl der Vater in der Zwischenzeit mehrfach in Gaza war, blieb seine Tochter bei den Großeltern, wo sie muslimisch erzogen wird. Sie ist mittlerweile zwölf Jahre alt, besucht eine palästinensische  Schule, spricht nicht mehr Deutsch. Ihre Mutter lernte eigens Arabisch, um mit dem Mädchen zu telefonieren oder per Skype den Kontakt zu halten. Der Wunsch nach einem Wiedersehen sei nicht zu erkennen, bedauerte die Mutter, die von einer starken Beeinflussung ihrer Tochter ausgeht. Wenige Tage vor der Verhandlung schickte Dinah ein Video, in dem sie unter Heulkrämpfen bat, alles zu unterlassen, was den Vater ins Gefängnis bringen könnte.

Die Zelle bleibt ihm erspart. Das Gericht unter Vorsitz von Frank Haberzettel sieht als Alleinschuldige die Oma. Der Angeklagte habe keinen „perfiden Plan“ verwirklicht. Seine Mutter habe sich „in strafbarer Form eingemischt“. Er habe nicht ahnen können, „dass die Großmutter das Kind stiehlt“. Seine Ausreise ohne Kind sei „moralisch bedenklich“, aber nicht strafbar.

Den Anwalt der Mutter hat das Urteil sehr erstaunt. „Das ist eine Ermunterung für alle muslimischen Väter, sich interessante Geschichten auszudenken“, sagte Ulrich Warncke,  „wenn sie ihre Kinder ins Ausland schaffen wollen.“