Stuttgart Mühlen geht das Wasser aus

Meuschenmühle im Rems-Murr-Kreis: Fische können über das Rad zwar runter, aber nicht hoch. Foto: Hans Georg Frank
Meuschenmühle im Rems-Murr-Kreis: Fische können über das Rad zwar runter, aber nicht hoch. Foto: Hans Georg Frank
Stuttgart / HANS GEORG FRANK 26.05.2012
Eine EU-Richtlinie gräbt Mühlen das Wasser ab, warnen Lobbyisten beim Deutschen Mühlentag. Weil Wehre die Fische nicht aufhalten dürfen, sind teure Umbauten wie Treppen oder Umgehungen nötig

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Ulrich Höppner (69) macht sich große Sorgen um den Bestand der Wassermühlen. Der Physiker aus Eisenbach im Schwarzwald kämpft als Landesvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Mühlenkunde und Mühlenerhaltung (DGM) gegen die EU-Vorschrift Nummer 2000/60/EG. Diese "Wasserrahmenrichtlinie" verlangt, dass bis 2015 die "lineare Durchgängigkeit der Fließgewässer" sichergestellt sein muss. Fische und deren schwimmende Nahrung dürfen demnach nicht durch Querbauwerke wie Wehre gestoppt werden.

Was Bürokraten als Hindernisse betrachten, ist fester Bestandteil historischer Mühlen, deren Wasserräder die Mahlwerke antreiben. "Der Fisch flutscht über die Räder einfach runter", weiß Höppner, "aber er kann nicht hoch." Damit die Forelle nicht aufgehalten wird, sind Umgehungsgerinne nötig oder Aufstiegshilfen namens "Raue Rampe" - beides ist teuer. 50 000 Euro, schätzt Höppner, kommen schnell zusammen. Selbst der Abriss müsse vom Eigentümer bezahlt werden: "Das geht in den fünfstelligen Bereich hinein." Wenn nur ein kleines Kraftwerk betrieben wird, reicht der Erlös für die Investition kaum. Für museale Mühlen fehlt oft das Geld.

Die amtlichen Hüter des Kulturerbes haben das Problem erkannt. Das Landesamt für Denkmalpflege gab im November 2011 ein Faltblatt heraus für "Baudenkmale und die Probleme ihrer Erhaltung bei der Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie". Wo Denkmalschützer eingeschaltet seien, würden sie "auf eine weitgehende Schonung der überlieferten historischen Substanz und den Erhalt der Nachvollziehbarkeit des Denkmalwertes am Objekt" hinwirken. In einer "Konfliktanalyse" seien für 86 geschützte Wehre Lösungsvorschläge erarbeitet worden, sagte Technikexperte Michael Hascher.

Die Behörde geht allerdings von rund 450 Wehren und über 700 Mühlen in Baden-Württemberg aus. Die Denkmalliste ist wahrscheinlich gar unvollständig, weil Besitzer der Technikveteranen bisweilen keinen der Bürokraten auf ihrem Grundstück sehen wollten. "Die Zusammenarbeit mit dem Landesamt könnte sich verbessern", sagt Hascher diplomatisch. Weil gerade die DGM kurz vor Schluss immer stärker die Hilfe der Denkmalschützer einfordert, wird auch Hascher deutlicher: "Jahrelang wurde die Denkmalpflege nicht ins Haus gelassen, wenn es dann ein Problem gibt, soll es plötzlich schnell gehen."

Die organisierten Mühlenkundler haben anfangs die Gefahr für die klappernde Mühle am rauschenden Bach übersehen. Die 2000 begonnene Diskussion um die Wasserverordnung lief sogar jahrelang ohne DGM. "Die haben das völlig verschlafen", meint Gründungsmitglied Valentin Schnitzer (71) aus Bammental (Rhein-Neckar-Kreis).

"Das ist an uns vorübergegangen", gesteht Landesvorsitzender Höppner. "Wir sind erst 2007 darauf aufmerksam geworden." Die DGM habe "das nicht so richtig mitgekriegt", wahrscheinlich sei auch "die Bedeutung verkannt" worden. Der Bundesvorsitzende Erhard Jahn hat vor dem 19. Deutschen Mühlentag am Pfingstmontag noch einmal Alarm geschlagen. Auch Landesvorsitzender Höppner hat Argumentationshilfen an die Besitzer verschickt, obwohl ihm klar ist: "Wir können nicht mehr viel machen."

Wie viele historische Mühlen bedroht sind, weiß niemand. Der DGM - von insgesamt 3300 Mitgliedern sind 143 in Baden-Württemberg - hat keine exakte Aufstellung der wertvollen Immobilien. Kürzlich wurde in Schwäbisch Hall ein Mühlenatlas vorgestellt, es ist der fünfte Band in einer kreisweisen Auflistung. Bis das Sammelwerk fertig ist, dürften Jahrzehnte vergehen.

Die Lobbyisten hoffen, dass die Energiewende neues Wasser auf ihre Mühlen lenken wird. Bei der umweltfreundlichen Stromerzeugung könnten die Wasserräder wieder eine größere Rolle spielen. Für den DGM-Vorsitzenden Jahn wäre "die behördliche Niederlegung und Vernichtung historischer Wasserkraftanlagen nur kontraproduktiv".