Eine Sonderkommission der Polizeidirektion Heidelberg bemühte sich mehrere Wochen um die Identifizierung eines Verbrechensopfers. Am 16. März 1986 hatten Spaziergänger neben einem Parkplatz an der Autobahn6 Mannheim-Heilbronn bei St. Leon-Rot (Rhein-Neckar-Kreis) die stark verweste Leiche einer Frau entdeckt.

Zwar fanden die Experten am Rechtsmedizinischen Institut der Universität Heidelberg heraus, dass die Frau zwischen 27 und 33 Jahre alt gewesen sein dürfte, als sie vermutlich zwischen Frühjahr und Herbst 1985 starb. Auch konnte von einem Gewaltverbrechen ausgegangen werden. Aber um wen es sich bei der Toten handelte, das ist bis heute völlig unbekannt.

Die Kriminalisten trugen mehrere Teile eines Puzzles zusammen, das jedoch unvollständig geblieben ist. Demnach handelt es sich um eine Europäerin mit Blutgruppe A, zwischen 1,55 und 1,65 Meter groß, Schuhgröße 36. Zum Zeitpunkt der Tat trug sie bordeauxfarbene Cordhosen und ein hellrotes T-Shirt mit langen Ärmeln, weiße Tennisschuhe, ein dünnes Lederbändchen am linken Fuß sowie einen aus gold-, silber- und bronzefarbenen Drähten geflochtenen Fingerring.

Von einer Oberkiefer-Zahnprothese ließ sich durch Materialanalyse ermitteln, dass diese aus einem westeuropäischen Land stammen musste. Eine Produktion in Osteuropa gilt demnach als ausgeschlossen. Doch trotz Veröffentlichungen in Fachzeitschriften konnte sich kein Zahnarzt daran erinnern.

Die Erkenntnis, dass sich die Frau weniger mit Fisch ernährte, mehr mit Fleisch von Tieren, die mit Mais gefüttert worden waren, brachte die Ermittlungen nicht wirklich voran.

Auch eine Rekonstruktion des Schädels am Freiburger Institut für Rechtsmedizin führte nicht zu der erhofften Identifizierung. Jetzt liegen der Polizei aber zwei Isotopengutachten von Knochen, Zähnen und Haaren vor. Isotope sind die verschiedenen Atomarten eines chemischen Elements wie Kohlenstoff, Sauerstoff oder Stickstoff. Je nach Herkunft fällt die Konzentration unterschiedlich aus. Damit lässt sich nachweisen, wo die Frau herstammt und wo sie sich zuletzt aufgehalten hat. Demnach hat die Unbekannte offenbar mehrmals ihren Wohnort gewechselt, wobei sie längere Zeit in Belgien, Luxemburg und den Niederlanden gelebt haben dürfte.

Außerdem kommt die Analyse zu dem Schluss, dass die Frau wohl die letzten zehn Monate ihres Lebens in Großbritannien verbracht hat. In den untersuchten Haaren fanden sich auch Spuren australischen Bleis, das seinerzeit in britischen Kraftstoffen verwendet wurde. Ihre Herkunft ließ sich nicht eindeutig klären. Mit "gewisser Wahrscheinlichkeit" soll sie in Osteuropa aufgewachsen sein.

Mit diesen Erkenntnissen haben Staatsanwaltschaft und Polizei in Heidelberg einen internationalen Fahndungsaufruf vor allem in den genannten Ländern gestartet. "Nach dem jetzigen wissenschaftlichen Stand ist dies unser letzter Strohhalm", sagte Polizeisprecher Norbert Schätzle der SÜDWEST PRESSE. Sollte die kriminaltechnische Forschung allerdings Fortschritte machen, könnte jederzeit auf die Leiche zurückgegriffen werden. Das Mordopfer ist noch nicht bestattet.