Die Bundesanwaltschaft geht zehn Jahre nach dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter einer möglichen neuen Spur nach. Grund ist ein NSU-Schriftzug am Tatort in Heilbronn. Er ist auf TV-Aufnahmen zu sehen, die im Jahr 2007 zwei Tage nach dem Attentat entstanden sind.

Der Berliner Filmemacher Clemens Riha hat den schwarzen NSU-Schriftzug beim Sichten von Material aus dem Archiv des SWR gefunden. „Er stand zwischen zwei Türen an dem Trafohäuschen, wo auch das Auto der Polizisten parkte“, sagte Riha der SÜDWEST PRESSE. Kiesewetter war am 25. April 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese im Dienstwagen erschossen worden, ihr Partner überlebte schwer verletzt. Jahrelang tappten die Ermittler im Mordfall Kiesewetter im Dunkeln. Dass die Heilbronner Bluttat zur Serie von Morden des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) an neun Migranten gehört, stellte sich erst 2011 heraus. Die Bundesanwaltschaft rechnet die Tat den NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu.

Ein Sprecher des Generalbundesanwalts bestätigte, dass der Schriftzug eine neue Spur sein könnte: „Wir werden dem noch nachgehen“. Auch der Untersuchungsausschuss in Stuttgart will sich damit befassen, wie der Vorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) sagte. Bisher sei die Aufnahme dem Gremium nicht bekannt gewesen. Der Grünen-Obmann im Ausschuss, Jürgen Filius, sagte: „Wir wollen insbesondere der Frage nachgehen, warum die Ermittler nach dem Auffliegen des Terror-Trios 2011 bei der Suche nach NSU-Bezügen auf das Graffiti nicht aufmerksam wurden.“ Es sei zu klären, ob vergleichbare Schriftzüge auch in der Umgebung anderer Tatorte aufgefallen seien. Sein Parteifreund Alexander Salomon sagte „Heilbronner Stimme“ und „Mannheimer Morgen“: „Wenn sich die Echtheit des Schriftzugs bewahrheitet, passt das leider in das Bild der damaligen Ermittlungspannen.“

Allerdings ist das Kürzel NSU mehrdeutig: In der Heilbronner Region steht es auch  für die Stadt Neckarsulm und die dortigen Motorenwerke.

Riha ist für die ARD-Doku „Tod einer Polizistin“ verantwortlich, die am 24. April 2017 ausgestrahlt wird. Gegenüber unserer Zeitung beklagte er, dass er bei Recherchen in Ermittlerkreisen auf eine „Mauer des Schweigens“ gestoßen sei. Auf Anfragen bei Polizisten und Staatsanwälten, die in dem Fall Kiesewetter ermittelt hatten, habe er „fast nur Absagen“ erhalten. Die SWR-Filmaufnahmen, in denen der Schriftzug zu sehen ist, waren zwei Tage nach dem Mord bei einer Kranzniederlegung entstanden. Der Fund sei auch ein gutes Beispiel dafür, dass die TV-Sender gut beraten seien, ihre Archive zu erhalten und zu pflegen. „Manche Sender fangen an, ihre Sachen zu löschen“, sagte Riha der SÜDWEST PRESSE.