Heidenheim Modellprojekt liegt auf Eis

SILJA KUMMER 10.10.2015
Die Behandlung psychischer Krankheiten im eigenen Zuhause gilt als höchst effektiv. Dennoch liegt ein Modellprojekt in Heidenheim nun auf Eis - weil die AOK sich als einzige Krankenkasse querstellt.

Muss jemand, der an einer akuten psychischen Erkrankung leidet, zwangsläufig stationär ins Klinikum? Dr. Martin Zinkler, Chefarzt der Psychiatrie am Klinikum Heidenheim, sagt nein: "Nur das momentane Vergütungssystem zwingt uns zur stationären Aufnahme von Patienten." Dabei hätte eine Behandlung zu Hause für die Patienten große Vorteile: "Viele haben ein stützendes Umfeld, da würde es ihnen besser gehen als in der Klinik", sagt Zinkler. Das Hauptproblem in der Behandlung psychisch Kranker sei das Vertrauen. Wegen der Geschichte der Psychiatrie, die dunkle Kapitel wie Euthanasie und Zwangsbehandlung umfasst, hätten Patienten oft Vorbehalte gegen Klinikaufenthalte. "Das führt dazu, dass sich auch sehr kranke Menschen mitunter nicht behandeln lassen", so Zinkler.

Ein alternatives Behandlungsmodell ist "Home Treatment", bei dem Patienten von mobilen Krisenteams der Klinik zu Hause besucht und behandelt werden. Finanziell ist diese Behandlungsmethode kostenneutral zur stationären Aufnahme. Während die Behandlungskosten in der stationären Psychiatrie in den letzten Jahren stetig angestiegen seien, würden die Kosten innerhalb des Modellprojekts für die nächsten acht Jahre festgeschrieben - auf dem momentanen Stand.

Trotzdem zieht die AOK nicht mit: Von zwei Modellprojekten, die das baden-württembergische Sozialministerium genehmigt hat, unterstützt die größte Krankenkasse nur eines: Die AOK Baden-Württemberg ist Kooperationspartner der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit dem Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim.

Das Heidenheimer Modell würden alle anderen Krankenkassen für ihre Patienten bezahlen - jedoch nicht die AOK. "Damit käme für 47 Prozent der Patienten Home Treatment nicht in Frage", sagt Zinkler. Die AOK begründet ihre Ablehnung mit dem Verweis auf Modellprojekte in fünf anderen Bundesländern. Von deren Erkenntnissen wolle man profitieren.

Den Heidenheimer Patienten wird das nicht helfen. Langjährige Erfahrungen mit dem Ansatz gibt es im angelsächsischen Raum. Professor Ingmar Steinhart vom Institut für Sozialpsychiatrie in Greifswald hat diese ausgewertet und kommt in einem Artikel in der Fachzeitschrift "Psychiatrische Praxis" zum Ergebnis, dass es bei Patienten, die zu Hause behandelt wurden, weniger Behandlungsabbrüche, geringere Kosten und eine höhere Zufriedenheit gebe. Auch Zinkler selbst hat während seiner zehnjährigen Tätigkeit als Psychiater in London Erfahrungen mit der Behandlungsform gemacht.

Das Sozialministerium hatte lange in einer Arbeitsgruppe versucht, Überzeugungsarbeit zu leisten. Dort bedauert man, dass die AOK nicht mitzieht: "Aus Sicht des Ministeriums ist es sehr wichtig, dass die beiden Modellprojekte stattfinden", sagt Referatsleiter Thilo Walker.

Mobile Krisenteams

Hausbesuche "Home Treatment" bedeutet, psychisch kranke Patienten bei akuten Krisen im direkten Lebensumfeld zu behandeln - mobile Krisenteams (Ärzte, Sozialpädagogen, Pfleger) kommen meist mehrmals die Woche auf Hausbesuch. Eine solche Einheit gibt es seit zehn Jahren am Bezirkskrankenhaus in Günzburg (Bayern), das mit der Uni Ulm zusammenarbeitet. Patienten- und Angehörigenverbände in Baden-Württemberg werben massiv für die Einführung von "Home Treatment".