Kriminalität Mitglied von Diebesbande schweigt vor Gericht

Die Einbrecher hebelten in Heilbronn eine Terrassentür auf.
Die Einbrecher hebelten in Heilbronn eine Terrassentür auf. © Foto: dpa
Heilbronn / Hans Georg Frank 30.07.2018

Das beharrliche Zureden von Roland Kleinschroth blieb ohne Wirkung. Der Richter am Heilbronner Landgericht erhoffte von einem Angeklagten aus Georgien Aussagen über jenen Überfall, an dem dieser nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft beteiligt gewesen sein soll. Doch selbst Plauderei über Fußball lockerte die Zunge des 29-Jährigen nicht. Insider wissen warum: Wenn Georgi C. Details verrät oder gar Komplizen verpfeift, ist er auch im Gefängnis seines Lebens nicht mehr sicher.

„Was man Ihnen vorwirft, gehört zu den schlimmsten Straftaten“, erklärte Kleinschroth. C. ist wegen erpresserischen Menschenraubs angeklagt. Er soll mit zwei Komplizen – einer davon ist namentlich bekannt, aber spurlos verschwunden – am 23. November 2017 gegen 1.30 Uhr in ein Zweifamilienhaus in Heilbronn-Neckargartach eingedrungen sein. In der Wohnung überraschten die Täter ein schlafendes Rentnerpaar. Unter Schlägen und Todesdrohungen, etwa mit einem 517,5 Gramm schweren Türstopper, erzwangen die Verbrecher das Öffnen zweier Tresore. Die Frau musste den Ehering abstreifen, weil sonst ihr Finger abgetrennt worden wäre, heißt es in der Anklage. Die Beute aus Geld und Schmuck war 32 944 Euro wert.

Eine Etage höher fielen die Männer über eine 90-Jährige und deren Pflegekraft aus Polen her. Die Seniorin wurde auf einen Toilettenstuhl gefesselt und geknebelt. Seither kann sie nicht mehr in ihrer Wohnung leben, sie musste in ein Pflegeheim umziehen.

„Etwas Schlimmeres als nachts im Schlaf in den eigenen vier Wänden überfallen zu werden, kann man sich kaum vorstellen“, sagte Tanja Haberzettl-Prach, Anwältin des Ehepaares, beim Beginn des Prozesses, der bis 8. Oktober terminiert ist. Ihre Mandanten leiden unter Schlafstörungen und Angstattacken. Besonders schlimm sei, dass selbst in einem dicht bewohnten Gebiet niemand vor einem Raubüberfall sicher sein kann. „Das kann jedem passieren“, meint die Anwältin.

Dasselbe Trauma erlebte ein Ehepaar erst vor Kurzem im eher vornehmen Heilbronner Osten. In ihre Villa drangen zwei schlecht Deutsch sprechende Männer ein. Auch sie bedrohten die im Schlaf aufgeschreckten Opfer, 58 und 66 Jahre alt, erbeuteten rund 35 000 Euro. Das Vorgehen erinnert an den Stil von Neckargartach. Auch hier gab sich einer der Täter besorgt und reichte dem angeschlagenen Mann ein Glas Wasser. Der Komplize trat dagegen umso rabiater auf. „Es gibt gewisse Parallelen“, sagte ein Polizeisprecher. Gefasst sind die Täter bislang nicht.

Richter: „Sie trauen sich nicht“

Die Staatsanwaltschaft weiß von einer in ganz Deutschland agierenden Bande, die es bei regelmäßigen Einbrüchen auf Schmuck und Bargeld abgesehen hat. Sie mache die Opfer „mit Gewalt widerstandsunfähig“. Insider gehen davon aus, wie Georgi C. reisten etwa zehn oder zwölf Landsleute aus Georgien an. Möglicherweise werden sie von Chemnitz aus zu ihren Raubzügen geschickt. Die Adresse in Neckargartach war in einem sichergestellten Smartphone gespeichert. Aus den Akten geht hervor, dass C. schon an mehreren Orten in Deutschland bei Kontrollen aufgefallen ist. Geschnappt wurde er in Waldshut mit Einbruchswerkzeug im Auto. „Sie würden gerne aussagen, aber Sie trauen sich nicht, weil Irgendeiner über Ihnen steht“, sagte Kleinschroth.

Der Angeklagte aus der Kleinstadt Vani (3800 Einwohner) kommt nicht aus ärmlichen Verhältnissen. Seine Mutter ist Ärztin, sein Vater Funktionär bei einem Erstliga-Fußballclub, seine Frau arbeitet als Lehrerin. Er hatte Pharmazie studiert, aber angeblich mangels geeigneter Stelle in der Landwirtschaft gearbeitet. Die Eltern unterstützen ihn, seine Frau und zwei Kinder.

Auch wenn der vorbestrafte C. eisern schweigt, die Beweislage sei „einfach erdrückend“, ließ der Richter wissen. Am Tatort blieben einige DNA-Spuren zurück. Der Angeklagte, der seit 17. Dezember 2017 in Untersuchungshaft sitzt, ist offenbar bestens in kriminelle Strukturen hinter Gittern eingebunden. Die Briefe seiner Frau und einer Anwältin erreichten ihn, ohne dass die für die Kontrolle zuständige Strafkammer davon erfahren hatte.

Nicht nur C. fürchtet um sein Leben. Auch Zeugen haben Angst vor Rache. Ein Zeuge, der die drei Männer vermutlich gesehen hat, möchte nur mit Perücke und Sonnenbrille ins Gericht kommen. Kleinschroth lehnte ab: „Eine Verkleidung ist nicht zulässig.“

Von Sowjetrepublik zum sicheren Herkunftsland

Georgien ist eine ehemalige Sowjetrepublik in Vorderasien. Das Land soll nach Absicht der Bundesregierung zu einem „sicheren Herkunftsland“ erklärt werden. Dadurch könnten Flüchtlinge schneller abgeschoben werden. 2017 wurden in Deutschland von 6340 Asylverfahren nur 130 positiv entschieden. Seit März 2017 brauchen Georgier kein Visum mehr für Reisen in die EU. Der durchschnittliche Monatslohn liegt umgerechnet bei 150 Euro.

Das Land am Ostufer des Schwarzen Meers hat rund vier Millionen Einwohner, die 26 Volksgruppen zugeordnet werden können. Hauptstadt ist Tiflis (deutsch: „warme Quelle“), wo etwa ein Viertel der Bevölkerung lebt.  hgf

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