Das ist natürlich ein super Habitat hier“, sagt Florian Back. „Warm, steinig, trocken, viele Versteckmöglichkeiten.“ Im stillgelegten Güterbahnhof bei Untertürkheim glüht der überwucherte Schotter unter der Sonne. „Dieser Wechsel aus offener Fläche und Rückzugsraum – das ist ein bisschen das Schicksal der Bahn, dass sie super Habitate für Eidechsen hat.“ Agrarwissenschaftler Back arbeitet beim Stuttgarter Umweltplanungsbüro „Gruppe für Ökologische Gutachten“ (GÖG). Die Bahn will hier in Untertürkheim einen neuen Abstellbahnhof errichten für ihr Jahrhundertprojekt Stuttgart–Ulm. Die zahlreichen streng geschützten Eidechsen auf der Fläche muss sie vorher umsiedeln. Nun sind Lassohelden auf Kaltblüterjagd.

Strohhut, Stoffsäckchen, Angel: Seit acht Uhr früh schreiten vier Kollegen von Back in Warnwesten die Interregio-Kurve ab, Meter für Meter, samt steiler Böschung. Das geht seit Jahren schon so: Überall im Baugebiet kontrollieren kleine Teams zu Fallen umfunktionierte Blumenkästen. Die Sensibilität der Tiere und der unebene Untergrund lassen aber oft nur Chancen für Fangversuche aus der Distanz.

Kosten: 15 Millionen Euro

Dominic Frank erstarrt auf seinem langsamen Weg über die Bohlen mitten im Schritt. Vorsichtig  zückt der 28-Jährige die Angel – ein Stück vor ihm sonnt sich eine arglose Eidechse. Mit ruhiger Hand bringt Frank die kleine Schlinge an seiner Rute über dem Tier in Stellung; der Ökologe übt das seit eineinhalb Jahren. Dann geht alles ganz schnell: Über den Kopf streifen, vorsichtig hochziehen; die Textilschnur verhakt sich an den Schuppen der Echse. Frank befreit sie mit der Hand und steckt sie in einen der Beutel an seinem Gürtel. Später kommt sie in eine transparente Kiste mit Laub.

Ob Fledermäuse, Biber oder Bienen, ob Falter oder der berüchtigte Juchtenkäfer: Der Artenschutz bereitet der Bahn bei Stuttgart 21 viel Kopfzerbrechen. Der Aufwand, den sie für Eidechsen betreibt, ist aber konkurrenzlos: Auf 15 Millionen Euro wird er derzeit kalkuliert.

Die Häscher der Bahn müssen gleich zwei geschützte Arten umsiedeln, die Zaun- und die Mauereidechse. Mit Bauschaum abgedichtete Wurzelsperren trennen die Abfangbereiche vom umliegenden Gelände. Eidechsenfreie Gebiete werden mit Abdeckfolie vor einer Neubesiedlung geschützt.

Während die Fachleute bei ihrer Sache nach Ausweichquartieren für die Zauneidechse vergleichsweise frei sind, trifft das auf die Mauereidechse nicht zu. „Das Thema hat in der Öffentlichkeit einen hohen Unterhaltungswert“, sagt Jörg Hamann, Pressesprecher des Bahnprojekts Stuttgart–Ulm. „Für all jene, die so ein Projekt umzusetzen haben, ist das aber nicht lustig, sondern mit extrem hohem Aufwand verbunden.“ Hamann berichtet: „Wir müssten die Tiere gemäß der Expertise der Landesumweltbehörden also innerhalb der Gebietskulisse Stuttgarts umsiedeln. Das ist aber nicht möglich, weil es dafür nicht ausreichend Flächen gibt.“

80 Quadratmeter Platz für jedes Exemplar

Und die Vorgaben gehen noch weiter: Für jedes erwachsene Exemplar sind 80 Quadratmeter Platz anzusetzen. Falls sich in der dicht bebauten Landeshauptstadt überhaupt Flächen dieser Größe finden, darf es dort keine Katzen geben und auch keine geschützten Konkurrenten.

Wo Baugrundstücke nach den Arbeiten wieder in einen naturnahen Zustand versetzt werden können, muss das Ausweichquartier natürlich nicht von Dauer sein. Unterhalb der Körschtalbrücke bei Nellingen hat die Bahn deshalb auf einem gepachteten Acker ein 3600 Quadratmeter großes Riesenterrarium errichtet und mit Totholz, Misthaufen, Sand und Steinen zum Reptilienparadies ausgebaut. Netze als Dach und Bleche im Boden sichern die knapp 800 wechselwarmen Bewohner gegen natürliche Feinde. Gesamtkosten des Projekts: 1,5 Millionen Euro.

Bei dem Echsen-Eldorado handelt es sich um eine „Zwischenhälterung“: Wenn die Bauarbeiten irgendwann zwischen 2021 und 2023 abgeschlossen sind, können die Tiere wieder in ihren angestammten Lebensraum zurück.

Für viele Artgenossen muss trotzdem ein endgültiges Ersatzhabitat gefunden werden. Das letzte schuf die Bahn 2017 am Stuttgarter Nobelhügel Killesberg: auf der Feuerbacher Heide hat die Stadt Flächen zur Verfügung gestellt. 2500 Mauereidechsen fanden hier ein neues Zuhause, doch auch bei Umweltfreunden wuchsen die Zweifel an der Sinnhaftigkeit solcher Maßnahmen: „Hier war bis vor wenigen Wochen eine wunderschöne Magerwiese“, schimpfte etwa die Grünen-Landtagsabgeordnete Thekla Walker auf Facebook.

Die Bahn hat andernorts 200 Flächen geprüft und sieht für die Stuttgarter Mauereidechsen längst keine Gebiete mehr, die die Vorgaben der Naturschutzbehörden erfüllen – umso mehr, als allein in Untertürkheim mit noch einmal 6000 Exemplaren gerechnet wird.

Hamann berichtet von Hilfsangeboten aus ganz Deutschland: Braunkohlereviere, Hobbygärtner, Verbände, FKK-Clubs hätten ihre Flächen angeboten. Doch bislang musste die Bahn alle Offerten ablehnen: Keine konnte die strengen Vorgaben der Naturschutzbehörden erfüllen.

Deren Prinzipientreue stößt bei vielen Tierschützern auf Unverständnis, denn seit diesem Sommer haben sich die Aussichten der Mauereidechsen erheblich verschlechtert: Ein Gutachten im Auftrag der Stadt ist im August zum Ergebnis gekommen, dass in Stuttgart mindestens 140.000 der Tiere leben, weit mehr als gedacht. Der Erhaltungszustand sei günstig. Die Studie stellt auch fest, dass es in Stuttgart keine Ausweichflächen mehr gebe.

Die Bahn hat angekündigt, das Gutachten beim Planfeststellungsantrag für den Abstellbahnhof in Untertürkheim zu berücksichtigen. Sie könnte eine von zwei Ausnahmegenehmigungen beantragen: Entweder sie darf außerhalb der bislang geltenden Gebietskulisse nach Ausweichquartieren suchen oder die Tiere – angesichts ihrer insgesamt hohen Zahl – im Baufeld belassen. Für die meisten würde das den Tod bedeuten.

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Eine besondere Mischung


Stuttgarts Mauereidechsen sind eine Mischung; sie haben Vorfahren in Frankreich und in Italien. Über die Gründe dafür kursieren unterschiedliche Geschichten, von blinden Passagieren auf Güterzügen bis zu ausgebüxtem Lebendfutter für die Wilhelma. Aus europarechtlicher Sicht sind die Mauereidechsen ohnehin streng geschützt; ihr besonderes Erbgut macht die Stuttgarter Exemplare noch rarer. Für die Naturschutzverwaltung ist diese Eigenart auch ein Grund, eine  Ausbreitung zu verhindern: Die Mischlinge sollen den Genpool anderswo nicht verändern. Um den Erhalt der Population zu gewährleisten, müssen mindestens je 100 Tiere zusammen umgesiedelt werden. jsz