Der Fall belege in eklatanter Weise, wie gefährlich das Internet für unerfahrene Kinder und Jugendliche sein könne. Mit diesen Worten leitete Frank Fad, Richter am Landgericht Rottweil, die Urteilsverkündung zu einem Fall ein, der aufzeigt, was geschehen kann, wenn sich Kinder und Jugendliche ohne Wissen der Eltern mit Internetbekanntschaften treffen.

In diesem Fall hatte ein 38-jähriger Lkw-Fahrer aus Nordrhein-Westfalen, der im Internet als 17-jähriger "Marco" aufgetreten war, die Bekanntschaft einer damals noch 13-Jährigen aus Spaichingen (Kreis Tuttlingen) gemacht. Als er merkte, dass sie sich in ihn verliebt hatte, setzte er sie unter Druck, bedrohte sie, machte sie sich gefügig. Bei mehreren Treffen zwang er sie zu sexuellen Handlungen und vergewaltigte sie mehrfach. Das Landgericht verurteilte den 38-Jährigen gestern zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und neun Monaten. Der Mann hatte zu Beginn der Verhandlung ein Geständnis abgelegt und damit dem Mädchen eine Aussage vor Gericht erspart. Das Urteil nahm er ohne Regung zur Kenntnis.

Der Angeklagte hatte sich zuvor nichts zu Schulden kommen lassen. Er habe eine rege Phantasie, lüge oft und habe Freude daran, Menschen zu manipulieren. So charakterisierte ihn Richter Fad. Eine Persönlichkeitsstörung liege nicht vor.

Im realen Leben wäre er nie in Kontakt mit dem Mädchen gekommen, sagte der Richter. Übers Internet jedoch, als 17-jähriger Marco, habe er von Mitte 2012 an das Vertrauen des Mädchens gewinnen können. So viel Vertrauen, dass sie sich in ihn verliebte und ihm ein Nacktfoto von sich schickte.

Das nutzte der Mann, der eine Frau und zwei Töchter im Alter von zehn und 13 Jahren hat, gnadenlos aus. Er nahm im Internet ohne Wissen des Mädchens zusätzlich die fiktive Identität eines Mitglieds der Russenmafia an und bedrohte die 13-Jährige. Wenn sie nicht tue, was er sage, werde das Foto an ihren Vater und an ihre Schule geschickt. Ihren Internetfreund Marco werde er töten lassen.

Die 14-Jährige gehorchte, nahm zunächst nur vor der Webkamera sexuelle Handlungen an sich vor. Im September fand das erste Treffen in einer abgelegenen Straße im Spaichinger Industriegebiet statt. Der Lkw-Fahrer stellte sich als Mitglied der Russenmafia vor und sprach mit russischem Akzent. Er zwang sie zum Geschlechtsverkehr, ebenso bei den folgenden Treffen.

Erst als der Mann das Mädchen zwingen wollte, mit einer gleichaltrigen Freundin vor der Webcam sexuelle Handlungen vorzunehmen, flog die Sache auf. Die dann schon 14-Jährige fragte tatsächlich eine Freundin. Die lehnte das ab und sprach sowohl mit ihren Eltern als auch mit den Eltern der 14-Jährigen. Der Mann wurde angezeigt, was bei seinem Opfer aufgrund der vorangegangen Drohungen Todesängste auslöste. Erst als der Lkw-Fahrer am 18. Dezember 2012 festgenommen wurde, beruhigte sich das Mädchen wieder, ist aber derart traumatisiert, dass es eine ambulante psychologische Therapie beginnen musste.

13-jährige Maria bleibt verschwunden