Der doppelte Abiturjahrgang hält die Hochschulen schon vor Abschluss der Reifeprüfung auf Trab. Mit Vorbereitungskursen und zusätzlichen Studienberatern reagieren sie auf den Ansturm von voraussichtlich 78 500 Studienanfängern im Wintersemester 2012. Sie tragen auch einem weiteren Trend Rechnung: Immer mehr Eltern nehmen Einfluss auf die Studienpläne ihrer Kinder, zumal die Schulabgänger wegen früher Einschulung, verkürzter Gymnasialzeit und Wegfall von Bundeswehr und Zivildienst deutlich jünger sind als früher.

So gibt es auch an Hochschulen den Elternabend, etwa an der Uni Karlsruhe seit 2011. Bisher kamen bis zu 350 Interessierte. Auch die Universitäten in Tübingen, Stuttgart und Stuttgart-Hohenheim gehen mit solchen Angeboten auf das Informationsbedürfnis von Vätern und Müttern ein.

Mannheim will diesen Beispielen folgen, sagt Uni-Sprecherin Katja Bär. Einen Zusammenhang mit dem Alter der G-8-Abiturienten sieht sie aber nicht. "Wir erleben seit etwa fünf Jahren, dass zahlreiche Eltern die Studienbewerber zum Beratungsgespräch oder auf Messen begleiten, auch wenn diese längst volljährig sind." Wie weit der Einfluss der Eltern gehen kann, beschreibt der Sprecher der Uni Hohenheim, Florian Klebs: "Man merkt, dass sie immer konkreter eingreifen, etwa bei der Studienwahl oder dem Thema der Bachelorarbeit."

Das geht Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) eindeutig zu weit. "Auch wenn ich als zweifache Mutter den Impuls nachvollziehen kann, finde ich, dass das Studium zur Unabhängigkeit vom familiären Hintergrund führen muss." Sie fügt hinzu: "Ich rate den Eltern: Lasst los!" Das Alter der Studenten führe auch zu Problemen bei der Anmietung von Studentenbuden. Im Studentenwerk Stuttgart beispielsweise hat zwar bisher noch kein Minderjähriger einen Wohnheimplatz anmieten wollen. Sollte dies aber vorkommen, müssen die Eltern mitunterschreiben oder ihr Einverständnis erklären. Doch manche Studenten werde nicht einmal dort unterkommen, befürchtet der Konstanzer Studentenvertreter Patrick Stoll: "Viele Erstsemester müssen sich darauf einstellen, zum Beginn in Turnhallen oder in teuren Ferienwohnungen zu leben - wie es schon 2011 der Fall war."

Dass das Thema Orientierung eine zunehmende Rolle spielt, zeigt die wachsende Zahl von Vorbereitungskursen wie sie in den USA gang und gäbe sind. Die Universität Karlsruhe oder auch die Universität Stuttgart haben solche Orientierungs-Kollegs eingerichtet.

Für die Immatrikulation erklären etliche Hochschulen die Minderjährigen schon für voll geschäftsfähig. Das Ministerium wird diese Rechtsfragen noch im Frühsommer landesweit regeln. "Rechtliche Probleme sind uns nicht bekannt", sagt Margarete Lehné vom Karlsruher Institut für Technologie. Karlsruhe hat bereits Erfahrung mit minderjährigen Studenten. 90 Studenten sind bei Beginn des laufenden Semesters jünger als 18 gewesen. Bayern und Niedersachsen hatten schon 2011 Absolventen der verkürzten Gymnasialzüge entlassen.

Der doppelte Abi-Jahrgang ist aus Sicht der Landeschefin der Bundesagentur für Arbeit, Eva Strobel, eine Chance für Firmen, Auszubildende zu gewinnen. Die Schattenseite für Bewerber: "In einigen Berufen besteht eine gewisse Gefahr, dass die Chancen von Bewerbern mit Mittlerer Reife und Hauptschulabschluss geschmälert werden", sagte Strobel. Bei der derzeitigen Situation am Ausbildungsmarkt hätten aber alle räumlich und beruflich flexiblen Bewerber Chancen.