Bei Nasenbluten den Notarzt holen - rund 80 Prozent aller bei der Nummer 112 gemeldeten Notfälle in Deutschland verdienen nach Einschätzung von Fachleuten den Namen nicht. Doch werden Debatten über Hilfsfristen im Rettungswesen schnell emotional, denn im Ernstfall entscheiden Minuten über Leben und Tod. Im Südwesten denkt Innenminister Reinhold Gall (SPD) derzeit über eine Verlängerung der notärztlichen Hilfsfrist von 15 auf 18 Minuten nach, was die Opposition in Rage versetzt.

"Man muss sich klarmachen, dass es um Leute geht, die sterben und vielleicht noch leben könnten, wenn das Rettungsmittel zwei Minuten früher käme", gab der FDP-Abgeordnete Ulrich Goll im Landtag in Stuttgart zu bedenken. Gall hingegen argumentiert pragmatisch: Die bisherigen Vorgaben für die Hilfsfristen würden kaum eingehalten. Im vergangenen Jahr wurden nur in 8 von 34 Rettungsdienstbereichen die Vorgaben für den Einsatz der Rettungswagen erfüllt. In nur drei Bereichen - Stuttgart, Konstanz und Rems-Murr - kamen die Notärzte in 95 Prozent der Fälle innerhalb der vorgeschriebenen Hilfsfrist.

Würden die Überlegungen Galls umgesetzt, hätte Baden-Württemberg allerdings bundesweit mit die längsten Hilfsfristen: In Sachsen-Anhalt wäre die Zeitspanne mit derzeit 20 Minuten für den Notarzt noch größer. Auch in anderen Bundesländern sind die Wartezeiten für Notfallpatienten Thema. So will die Berliner Feuerwehr die Hilfsfristen für Rettungswagen von 8 auf 10 Minuten erhöhen, weil die Hilfe derzeit im Schnitt etwas mehr als 9 Minuten brauche. Grund: gestiegene Einsatzzahlen, alternde Bevölkerung, mehr Touristen und Verkehr auf den Straßen. Die Senatsinnenverwaltung prüft den Vorschlag.

Beim Rettungsdienst ist Deutschland ein Flickenteppich. Das fängt schon damit an, wie die Hilfsfrist definiert wird: Im Südwesten startet sie bislang mit dem Beginn des Einsatzes der Retter. Geplant ist aber, dass die Uhr künftig schon vom Eingang der Unfallmeldung bei der Notrufzentrale läuft. In Mecklenburg-Vorpommern hat der Landtag im Januar hingegen ein Gesetz verabschiedet, nach dem die Frist von durchschnittlich zehn Minuten erst beginnt, wenn die Retter sich in Marsch setzen.

In Nordrhein-Westfalen ist in Ballungsräumen eine Hilfsfrist von bis zu 8 Minuten und auf dem Land von bis zu 12 Minuten vorgegeben. In Thüringen sind generell bis zu 14 Minuten bis zum Eintreffen der Hilfe angepeilt, in dünn besiedelten Gebieten 17 Minuten. In Rheinland-Pfalz sollen Rettungswagen in maximal 15 Minuten am Unfallort sein, Notärzte müssen nur in "einer angemessen kurzen Frist" ankommen.

In Schleswig-Holstein und Sachsen sollen die Wartezeiten maximal 12 Minuten betragen - ein Wert, den auch Minister Gall für die Rettungswagen in Baden-Württemberg anvisiert. Denn dafür besteht derzeit ein Korridor zwischen 10 und 15 Minuten, wobei sich die Helfer eher am oberen Wert orientieren. Das Flächenland Hessen hat sich mit 10 Minuten Hilfsfrist als Flächenland ein besonders enges Zeitkorsett verordnet. Folge: In mehr als der Hälfte der Landkreise und kreisfreien Städte wird die Frist nicht eingehalten. Auch im Stadtstaat Bremen hat man sich mit 10 Minuten einen engen Zeitrahmen gegeben.

Angesichts dieser Vielfalt stellt sich die Frage nach bundeseinheitlichen Vorgaben. Da winkt der Teamleiter Rettungsdienst im Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes, Wolfgang Kast ab: Ein bundesweites Gesetz sei eine Illusion. In den 70er Jahren sei ein Musterrettungsdienstgesetz erlassen worden, das die Länder dann ganz schnell nach eigenem Gusto weiterentwickelt hätten.

Kritik an längeren Hilfsfristen wie die des Liberalen Goll sind nach Kasts Meinung "reiner Populismus". Die Hilfsfristen seien Planungsvorgaben und nicht mit medizinischen Erfordernissen unterfüttert. "Eine Reanimation muss schneller erfolgen als die Abholung einer Schwangeren mit einsetzenden Wehen, die noch mit gepacktem Koffer vor der Haustür auf den Notarzt warten kann", sagt der Vertreter einer der größten Leistungserbringer im Rettungsdienst.

Ganz anders sieht das Siegfried Steiger aus Winnenden bei Stuttgart. Sein leicht verletzter achtjähriger Sohn musste 1969 genau 57 Minuten auf einen Rettungswagen warten. Er starb infolge eines Schocks auf dem Weg ins Krankenhaus. Seitdem hat sich Steiger die rasche Rettung zur Lebensaufgabe gemacht. Der Gründer der Björn-Steiger-Stiftung und Pionier der Notrufnummern 110 und 112 hat für das Liebäugeln mit längeren Hilfsfristen kein Verständnis. "Das ist unterlassene Hilfeleistung." Angemessen wäre nach seiner Überzeugung eine Frist von zehn Minuten, bis qualifizierte Rettung beim Patienten eintrifft. Dass es in Deutschland gerade in die andere Richtung geht, empfindet er als Rückschritt. Ein Grund sei, dass die Krankenkassen die Notärzte nicht mehr bezahlten, obwohl die Notfallrettung zu den kleineren Kostenblöcken im Gesundheitswesen gehöre. Das kümmere aber niemanden.

"Die Opfer verspäteter Hilfe haben eben keine Lobby." Für die Patienten ergreift auch der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands, Frank Riebandt, Partei: Die Entscheidung über kürzere Hilfsfristen müsse man sich sehr schwer machen. "Der Faktor Zeit ist vom Eintritt des Notfalls bis zum Eintreffen qualifizierter Hilfe bei gravierenden Erkrankungen und Verletzungen von außerordentlich hoher Bedeutung", erläuterte der langjährige Notfallmediziner. Zwar befinde sich ein Großteil der jährlich mehrere Millionen gemeldeten Notfallpatienten nicht in lebensbedrohlicher Lage, aber das Rettungswesen müsse sich an Fällen wie Schlaganfall, Herzinfarkt, Bewusstlosigkeit und schwere Atemnot orientieren. Der Mediziner weiß: "Bei einem Patienten, der eine Wiederbelebung braucht, reduziert sich mit jeder Minute ohne Hilfe die Überlebenswahrscheinlichkeit um zehn Prozent."

Musterschüler im Land

Rettungswagen In den 34 Rettungsdienstbereichen werden die Hilfsfristen unterschiedlich erreicht. Bei den Rettungswagen wird die 95-Prozent-Vorgabe in diesen Bezirken eingehalten: Rottweil 96,5 Prozent; Stuttgart 96,3; Ulm/Alb-Donau 96,2; Rems-Murr und Göppingen 96,1; Ostalb 95,9; Emmendingen 95,1 Konstanz 95,0. Die rote Laterne haben mit unter 90 Prozent: Waldshut 89,5 Heilbronn 89,7

Notärzte Die notärztliche Hilfsfrist wird in folgenden Bezirken zu 95 Prozent eingehalten: Stuttgart 95,8; Rems-Murr 95,6; Konstanz 95,4; Unter 90 Prozent liegen Schwäbisch Hall 89,9; Calw 89,8; Bodensee-Oberschwaben 89,7; Tuttlingen 89,2; Freudenstadt 89,0; Neckar-Odenwald 88,4; Hohenlohe 87,9; Ortenau und Heilbronn 87,6; Lörrach 86,6 Waldshut 84,6.