Schule Ministerium investiert in Personal - Lehrer sind stark gefordert

Ein Flüchtlingsmädchen im Unterricht: Das Land investiert in neue Lehrstellen, um diese neuen Schüler schnell in den Schulalltag zu integrieren.
Ein Flüchtlingsmädchen im Unterricht: Das Land investiert in neue Lehrstellen, um diese neuen Schüler schnell in den Schulalltag zu integrieren. © Foto: dpa
Stuttgart / ANDREAS BÖHME 11.09.2015
Die Kultusbürokratie muss improvisieren: Um Vorbereitungsklassen für Flüchtlingskinder auf die Beine zu stellen, sind große Anstrengungen nötig. Auch auf die Schulen kommen schwierige Aufgaben zu.

"Wir können nicht zaubern", versichert Kultusminister Andreas Stoch (SPD). Und trotzdem klingt ein wenig nach Magie, was die ansonsten als betonfest verschrieene Schulbürokratie in den vergangenen Wochen auf die Beine gestellt hat, um Flüchtlingsfamilien ein gutes Bildungsangebot zu machen. Das beginnt mit der explosionsartigen Vermehrung der Vorbereitungsklassen für Kinder ohne Deutschkenntnisse: Vergangenen Herbst wurden dafür gerade mal 200 neue Stellen geschaffen, im Nachtragshaushalt kamen 162 dazu und weitere 200 im Frühjahr.

"Damit waren wir fester Überzeugung, gut über das Schuljahr hinwegzukommen", sagt Stoch. Doch er irrte sich: Damals rechnete das Land mit 50.000 Flüchtlingen, jetzt mit der doppelten Zahl. Dafür braucht es auch doppelt soviel Deputate - nur gibt es die nicht. "Der Markt ist abgegrast. Wenn ich die Stellen habe, fehlen mir immer noch die Lehrer." Deshalb sei man jetzt auch an sogenannten Nichterfüllern interessiert, also Pädagogen, die nicht sämtliche Bedingungen für die Verbeamtung erfüllen und bislang abgelehnt wurden. Man nehme nicht jeden, sagt Stoch, "aber wir müssen fantasievoll sein". Gänzlich unvorbereitet ist das Schulwesen ja nicht. Schon in den 90er Jahren während des Bürgerkriegs auf dem Balkan gab es vor allem in den Städten Klassen für Kinder ohne jedwede Deutschkenntnisse. Stoch baut auf diese Erfahrungen: "Es gibt noch Lehrkräfte, die mit dem Thema vertraut sind."

Neue Lehrer gewinne man aus den Kollegien und bilde sie dann in einer dreitägigen Schnellbleiche fort. Genügt das den Ansprüchen? Die Flüchtlingswelle orientiert sich nun mal nicht an einer siebenjährigen Lehrerausbildung. Nur knapp 200 Pädagogen mit dem Fach Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache sind aus der PH Ludwigsburg bislang hervorgegangen. Sie sollen nun vor allem als Multiplikatoren wirken. Der Klassenteiler der Vorbereitungsklassen liegt bei 24 Kindern. Für die Lehrergewerkschaft GEW ist das zu hoch: Zwei Dutzend Schüler unterschiedlicher Herkunft, Religion, Vorbildung, Traumatisierung und noch dazu ohne Deutschkenntnisse müssen jeden Pädagogen überfordern. "Das ist eine hochkomplexe Aufgabe, da gibt es keine einfachen Lösungen."

Aber doch bemerkenswerte Erfolge. Noch jetzt ist Stoch beeindruckt von einem lange zurückliegenden Schulbesuch: Der aus Afghanistan stammenden Spitzenschüler einer Vorbereitungsklasse in Esslingen gestand damals, vor seiner Flucht nach Deutschland noch keine Schule von innen gesehen zu haben. Im vergangenen Herbst betrug die durchschnittliche Klassengröße lediglich 13 Schüler. Erschwerend kommt hinzu: In den Vorbereitungsklassen herrscht ständiges Kommen und Gehen, eine Klassengemeinschaft bildet sich nicht aus. Stoch hofft deshalb, in den nächsten Wochen auf mehr Klarheit bei den Asylverfahren. Dann könne man zumindest ableiten, wie lange ein einmal in einer Vorbereitungsklasse eingeschultes Kind bleibt.

Andererseits gibt es das Ziel, die Kinder je nach Lernvermögen so schnell wie möglich in Regelklassen zu überweisen. Spracherwerb steht zwar an vorderster Stelle, aber daneben versuche man, über gemischte Klassen beispielsweise im Sportunterricht weitere Ansätze für Integration zu finden. Die Lehrer gehen aber bereits in die Erstaufnahmestellen. Nicht, um dort regulären Unterricht zu halten, sondern um Vorkenntnisse zu erheben und den vorläufigen Förderbedarf zu erkennen.

So müssen bei der folgenden, vorläufigen Unterbringung in den Gemeinden dann nicht nochmal Daten erhoben werden. Angesichts der unterschiedlichen Vorbildung, die vor allen bei syrischen Flüchtlingen hoch ist, gibt es Vorbereitungsklassen nicht nur an Grund- und Hauptschulen, sondern auch an Realschulen und (wenigen) Gymnasien. Apropos Sport: Viele Schulsport-Hallen im Land sind derzeit mit Flüchtlingen belegt. Die humanitäre Pflicht zu helfen gehe natürlich vor, aber Turnhallen dürften natürlich nicht zum Dauerquartier werden. Und nicht auszuschließen sei, dass auch Arbeitsgemeinschaften und Projekte, vorübergehend leiden müssten. Nämlich dann, wenn man Lehrer abziehen müsse, "um auf die Schnelle eine Vorbereitungsklasse aufzumachen".

Was ändert sich?

Inklusion Die Pflicht zum Besuch der Sonderschule entfällt im neuen Schuljahr. 200 zusätzliche Deputate stehen bereit.

Gemeinschaftsschule Die Zahl steigt auf landesweit 271, derzeit in Planung ist eine Oberstufe.

Stellen 240 neue Stellen gibt es an den Realschulen, vor allem zur individuellen Förderung in Poolstunden. Die Grundschulen bekommen 180 neue Deputate. Am Gymnasium werden zur Begabtenförderung die deutsch-englischen Züge ausgeweitet.

Modellregionen Die Zahl der Modellregionen, in denen ein verbesserter Übergang von der Schule zum Beruf erprobt wird, steigt um mehr als das Doppelte. Außerdem wird auch das Angebot an islamischem Religionsunterricht im Land ausgeweitet.
 

Fünf Typen beim Erledigen der Hausaufgaben

Wissenschaftler des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung in Tübingen haben das Hausaufgabenverhalten von knapp 2000 Achtklässlern untersucht. Dabei haben die Bildungsforscher die mit den Hausaufgaben verbrachte Zeit, die Sorgfalt und Anstrengungen untersucht. Daneben prüften sie die letztendlichen Leistungen der Jugendlichen im Fach Französisch. Das Ergebnis: Ein hoher Zeitaufwand bei den Hausaufgaben wirkt sich nicht automatisch positiv auf die Leistung aus. "Entscheidend für gute Leistung sind bei der Hausaufgabenbearbeitung die Motivation und Selbstregulation und weniger die Zeit, die Schülerinnen und Schüler auf dem Hosenboden sitzend verbringen", sagt Bildungsforscher Ulrich Trautwein.

Er und seine Kollegen unterscheiden zwischen fünf unterschiedlichen Hausaufgaben-Typen: die fleißigen Schnellen, die Hochengagierten, die Durchschnittsschüler, die sich abmühenden Lerner und die Minimalisten. Die Tübinger Wissenschaftler konnten außerdem zeigen, dass diese Typen über einen längeren Zeitraum stabil bleiben. Ob lange Hausaufgabenzeiten tatsächlich zu einer höheren Leistung führen, hänge vor allem davon ab, zu welchem Hausaufgaben-Typ ein Schüler gehört.

So benötigen "die sich abmühenden Lerner" meist lange für ihre Aufgaben und erzielen dennoch keine guten Ergebnisse. Ziel von Fördermaßnahmen sollte den Ergebnissen der Studie zufolge sein, Schüler in die "fleißig aber schnell"-Kategorie zu bringen. Doch wie könnte dies gelingen? "Der nächste Schritt in der Hausaufgabenforschung sollte es sein, an Maßnahmen zu arbeiten, die Kindern helfen, ihre Hausaufgaben effizient zu bewältigen", sagte Barbara Flunger, Erstautorin der Studie.

Zu den möglichen Förderstrategien für schwächere Lerner könnte laut Flunger gehören, den Schülern Sinn und Bedeutung von Hausaufgaben zu verdeutlichen. Es gebe bereits verschiedene Studien, die belegen, dass Motivation und Anstrengungsbereitschaft durch solche Schritte nachhaltig gesteigert werden können. Außerdem wollen die Bildungsforscher herausfinden, wie sich die elterliche Hausaufgabenhilfe auswirkt.

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