Erst prosteten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann (Grün) mit Weiß- respektive Rotwein zu. Dann zelebrierten sie ihre politische Nähe auch verbal. "Sie tragen riesige Verantwortung bei einem enormen Arbeitsprogramm", lobte der Grüne Merkels Einsatz in der europäischen Finanzkrise. "Wenn man sich vertrauen kann, wenn ein Land funktioniert, das aus Bund und Ländern besteht, dann ist das ein gutes Gefühl", revanchierte sich die Kanzlerin.

Landesvertretung Berlin. Es ist die zweite "Stallwächterparty" unter grün-roter Regie. 2011, nach der Wahlniederlage ihrer CDU im Südwesten, war Merkel dem traditionellen Sommerfest des Landes noch demonstrativ ferngeblieben. Gestern Abend, zur "Geburtstags-Stallwächterparty" anlässlich des 60. Landesjubiläums, nahm sie sich dagegen eine dreiviertel Stunde Zeit. Ob Europa oder Klimawende - die Kanzlerin braucht die Bundesländer. Und Kretschmann und sie, beide mit naturwisssenschaftlichem Hintergrund, schätzen sich auch persönlich.

Frotzeleien schließt das nicht aus, im Gegenteil. Ob Baden-Württemberg mit 20 noch schön gewesen sei, griff Merkel ein Goethe-Zitat auf, "wissen wir nicht mehr. Dass Sie mit 50 noch reich waren, wissen wir aber." Zuvor hatte sich Kretschmann einen "sanften Hinweis" auf den Länderfinanzausgleich erlaubt. Dass Baden-Württember so reich sei, wie im Bund und in anderen Ländern oft geglaubt werde, scheine ein "Irrglaube" zu sein. Nach dem Länderfinanzausgleich seien alle gleich. Merkel indes ließ sich davon nicht beeindrucken: "Werden Sie nicht zu schnell so alt, dass Sie nichts mehr schaffen. Deutschland braucht Sie, liebes Baden-Württemberg!"

Merkel hatte die Bundesbildungsministerin und Ulmer Abgeordnete Annette Schavan (CDU) im Schlepptau. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (CDU) drückte sich auf ihrer anderen Seite auf die schmale Bierbank - und Baden-Württembergs Vize-Regierungschef Nils Schmid zur Seite. Becks neuer schleswig-holsteinischer Kollege Torsten Albig (SPD) saß gegenüber, flankiert von SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Das Grünen-Duo Renate Künast und Jürgen Trittin rahmte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt ein, der, wie Merkel, 2011 noch geschwäntzt hatte.

Trotz des Jubiläums herrschte gedrückte Stimmung. Den Grund nannte Kretschmann gleich zu Beginn seiner Rede: Am Vortag waren im Land "schreckliche Dinge passiert". Alle Anwesenden des Festes ehrten die Opfer des Geißeldramas in Karlsruhe mit einem Schweigemoment.

Die Party fiel etwas kleiner und ökologischer aus als in der Vergangenheit: 1500 Gäste, ein Drittel weniger als 2011, bekamen Öko-Spezialitäten aus dem Land serviert. "So viel Bio muss sein", meinte Kretschmann. Und es sollte legerer zugehen. Schmid stand nicht nur ohne Krawatte, sondern auch in Jeans auf der Bühne.