Neuhausen Mehr Strom vom Rheinfall

Der Rheinfall bei Niedrigwasser: Dass bald vom Kraftwerk mehr Wasser entnommen wird, soll das Naturschauspiel nicht beeinträchtigen.
Der Rheinfall bei Niedrigwasser: Dass bald vom Kraftwerk mehr Wasser entnommen wird, soll das Naturschauspiel nicht beeinträchtigen. © Foto: dpa
PETRA WALHEIM 22.03.2016
Die Rheinkraftwerk Neuhausen AG wird künftig vom Rheinfall mehr Wasser abziehen, um mehr Strom produzieren zu können. Das tosende Naturschauspiel soll dadurch aber nicht beeinträchtigt werden.

Seit 15.000 Jahren stürzt das Wasser des Rheins bei Neuhausen in der Schweiz mit viel Getöse 23 Meter in die Tiefe. Gestern flossen pro Sekunde 281.350 Liter mit einer Temperatur von 5,7 Grad den Rheinfall hinunter. Das ist nicht nur ein beeindruckendes Naturschauspiel, dabei wird auch eine gewaltige Kraft frei. Die wird seit 1000 Jahren genutzt - bis heute.

Die Rheinkraftwerk Neuhausen AG betreibt seit 1951 auf der rechten Seite des Rheinfalls, dort wo vor 1000 Jahren eine kleine Mühle stand, ein Wasserkraftwerk. Darin produzieren Turbinen im Schnitt 43 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr.

Da der Strombedarf auch in der Schweiz stetig steigt, wurde das Kraftwerk 2013 technisch erneuert, um die Kraft des Rheinfalls noch besser nutzen zu können. Dafür ist jedoch auch mehr Wasser nötig. Deshalb hat das Unternehmen EnAlpin AG, zu dem das Rheinkraftwerk Neuhausen gehört, bei der Gemeinde eine Zusatzkonzession beantragt. In Zukunft sollen nicht mehr "nur" 28 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch das Kraftwerk laufen, sondern 29,9 Kubikmeter. Damit können nach Auskunft von Beat Abgottspon, Mitglied des Verwaltungsrats der EnAlpin AG, pro Jahr 46 bis 48 Millionen Kilowattstunden Strom produziert werden. Je nach Wassermenge, die der Rhein mit sich bringt.

Technisch machbar ist und geplant war, dass 33 Kubikmeter Wasser pro Sekunde vor dem Rheinfall abgezweigt werden. Doch da machten die Umwelt- und Naturschutzverbände nicht mit. Sie waren in das Verfahren eingebunden, konnten mitreden und sperrten sich gegenüber der maximalen Nutzung. Weniger aus ökologischen Gründen, mehr der Landschaft wegen.

Sie wollten verhindern, dass der Rheinfall immer dünner wird. "Er gehört zum Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung", sagt Benjamin Leimgruber, Projektleiter Gewässerschutz bei der Umweltorganisation Aqua Viva mit Sitz in Schaffhausen. Ökologisch seien die Auswirkungen nicht so groß. Davon, dass mehr Wasser abgezweigt wird, könnten Moose und Algen betroffen sein, sagt Leimgruber. Fische lebten im Rheinfall nicht.

Die Organisation sieht die Nutzung des Rheinfalls zur Stromgewinnung kritisch. "Das ist der größte Wasserfall Europas. Dessen Schutz sollte größeres Gewicht haben als die Nutzung", sagt Leimgruber. Momentan habe seine Organisation keine Handhabe, um gegen die Wasserentnahme vorzugehen. Doch sobald die Konzession ablaufe, werde hinterfragt, ob der Betrieb eines Wasserkraftwerks am Rheinfall noch vertretbar sei.

Aqua Vita ist in der Schweiz landesweit besonders im Gewässerschutz aktiv und beobachtet die Nutzung der Wasserkraft genau. 90 Prozent der potenziell nutzbaren Gewässer würden in der Schweiz zur Stromgewinnung genutzt, sagt Leimgruber. Jeder weitere Ausbau werde jedoch kritisch gesehen.

Vom zweiten Quartal an sollen nach Aussage von Beat Abgottspon die genehmigten 29,9 Kubikmeter Wasser pro Sekunde die Turbinen antreiben. Ob die Touristen davon etwas bemerken, darf bezweifelt werden. Da der Rhein ohnehin mal mehr, mal weniger Wasser führt - im Winter durchschnittlich 250.000 Liter pro Sekunde, im Sommer rund 600 000 Liter pro Sekunde -, ist davon auszugehen, dass die zusätzliche Wasserentnahme von knapp zwei Kubikmeter pro Sekunde nicht weiter auffällt.