Kriminalität Mannheim stellt 71 Überwachungskameras in der Stadt auf

71 Kameras sollen in Mannheim Kriminalitätsschwerpunkte „komplett ausleuchten“.
71 Kameras sollen in Mannheim Kriminalitätsschwerpunkte „komplett ausleuchten“. © Foto: Paul Zinken/dpa
Mannheim / Wolfgang Risch 11.06.2018

Der Zeitpunkt war ausgesprochen gut gewählt. Kurz bevor Polizeidirektor Klaus Pietsch, Leiter des Führungs- und Lagezentrums im Mannheimer Präsidium, eine interessierte Öffentlichkeit über die kommende Videoüberwachung in der Innenstadt informierte, blockierten zwei Streifenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht die Straßenbahngleise an der nahen Haltestelle Abendakademie. Die Beamten nahmen einen Handydieb fest und hinderten für Minuten eine Tram an der Weiterfahrt. Zumindest deren Fahrer nahm’s gelassen.

Nicht immer sind die Kriminellen so harmlos, deshalb werden demnächst 71 Videokameras an 28 Standorten in der Innenstadt in Betrieb gehen. Vor dem Hauptbahnhof sind sie schon installiert. Ganz neu ist das nicht: In den Jahren 2001 bis 2007 gab es schon einmal Videoüberwachung in Mannheim. Damals, sagt Pietsch, sei die Zahl der Straftaten erheblich zurückgegangen, weshalb die Kameras abgebaut wurden.

Höhere Quote als 2001

Nun aber gilt die Stadt zwischen Rhein und Neckar wieder als Kriminalitätsschwerpunkt, man habe den „Mannheimer Weg“ eingeschlagen mit im Endausbau intelligenter Software, die Auffälliges vom normalen Geschehen auf den Straßen und Plätzen unterscheiden könne. Ihm sei, sagt Pietsch, kein vergleichbares System bekannt, „vielleicht irgendwo in China“.

Die Polizei nimmt als Maßstab für die Gefährlichkeit die Straftaten pro Hektar und Jahr. Im gesamten Mannheimer Stadtgebiet sind es laut Pietsch 0,7, in der Innenstadt wurden zuletzt 13, auf der vom zentralen Paradeplatz nach Norden zum Neckar führenden Kurpfalzstraße aber 45 Verbrechen jährlich je Hektar vermerkt. Und hinter dem Fluss, auf dem so genannten Alten Messplatz, werden jährlich im Mittel gar 50 Straftaten verübt. Diese Bereiche werden künftig „komplett ausgeleuchtet“, sagt Pietsch. Ende August werden die Kameras hängen und von September an aufzeichnen, zunächst noch mit konventioneller Technik. Für das in vier bis fünf Jahren einsatzfähige Pilotprojekt mit computergestützter Videoanalyse ist das Landespolizeigesetz geändert worden, berichtet der Polizeidirektor.

Sicherheitsgefühl abgenommen

Die Mannheimer stünden „zu 80 Prozent“ hinter der Überwachung, sagt Désirée Leisner, Sprecherin des Dezernates Sicherheit und Ordnung im Rathaus. „Die Straßen- und Betäubungsmittelkriminalität ist in Mannheim wieder signifikant angestiegen“, so Polizeipräsident Thomas Köber. „Mithilfe der Kameras wollen wir dem entschlossen entgegentreten.“ Tatsächlich liegt die Kriminalitätsrate in der Quadratestadt höher als 2001, als erstmals Videokameras eingesetzt wurden. Entsprechend „hat das Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger erheblich abgenommen und die Kriminalitätsfurcht ist gestiegen“, heißt es im Rathaus.

„Die Unsicherheit der Menschen stellt eine soziale Realität dar“, heißt es in einer Vorlage der Verwaltung an den Ausschuss für Sicherheit und Ordnung des Gemeinderates. Vor dem Hintergrund des tatsächlichen Anstiegs der Straftaten handle es sich um keine irrationale Kriminalitätsfurcht in der Bevölkerung.

Polizeidirektor Pietsch zieht einen bildhaften Vergleich: Man müsse sich die Videoüberwachung vorstellen wie seinerzeit den Schutzmann an der Ecke. Wie dieser auf das Geschehen um ihn herum erst reagiert habe, wenn etwas Außergewöhnliches oder Bedrohliches passiert sei, verhalte es sich mit den Kameras. Für diese hat das Fraunhofer-Institut eine Software entwickelt, die erkennt, wenn etwas vorkommt, was nicht dem üblichen Verhalten der Passanten entspricht, etwa wenn eine Person am Boden liegt. Erst dann werde der Polizeibeamte im Lagezentrum aktiv. Die Software könne durchaus zwischen wegrennenden Erwachsenen und spielenden Kindern unterscheiden, sagt Désirée Leisner, und beruhigt: Erst im Notfall würden die verpixelten Bilder scharf gestellt.

50

Straftaten pro Hektar und Jahr zählt die Polizei auf dem „Alten Messplatz“ in Mannheim, 45 sind es in der Kurpfalzstraße. In der Innenstadt sind es 13, in Mannheim insgesamt 0,7.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel