Material? Blei, lateinisch "plumbum", das Metall schmilzt bei kommoden 327,43 Grad Celsius und ist giftig. Menge? Etwa hundert Gramm, passt locker in die Hosentasche, ist es in Kegelform gegossen. Geldwert? Wertlos, aber unbezahlbar. Bedeutung? Märchenhaft!

Ruhig liegt das blaue Wasser. Der Karst-Quelltopf, das Halbrund der Bäume, die Hammerschmiede. Das sei er, der Ort der "schönsten Liebesgeschichte der Menschheit", sagt Blautopf-Expertin Stefanie Dispan. Die 47-Jährige Geografin und Romanistin ist eben: der Liebe wegen hierher nach Blaubeuren gezogen. Seither lebt sie nicht nur mit Mann und Kindern hier - und sie hat sich in das hübsche Städtchen am Blautopf verguckt. Mittlerweile zeigt sie es Besuchern als Fremdenführerin.

Die "Historie von der schönen Lau", jene Lovestory mit dem "Klötzle Blei", lockt bis heute Besucher in das Städtchen nahe Ulm. Wenn auch manch Romantik-Kollegen zur Entstehungszeit im 19. Jahrhundert es nicht wahrhaben wollten: Die Geschichte ist keine Volkssage, sondern hundert Prozent Eduard Mörike. Der Pfarrer und Dichter hat die Sage in sein Märchen "Stuttgarter Hutzelmännlein" eingeflochten. Schwabenweit bekannt daraus ist dieser Zungenbrecher: "S leit a Klötzle Blei glei bei Blaubeira, / glei bei Blaubeira leit a Klötzle Blei."
 

Wo aber nun liegt dieses magische Klötzchen Blei? Und was hat es mit der Lau zu tun? Um das zu erklären, führt Dispan weiter über eine Brücke der Aach, die sich wenige Meter unterhalb mit dem Wasser des Quelltopfs verbindet und dann als Bächlein Blau gen Donau fließt. Weiter durch ein Wohngebiet - Zeit zum Rekapitulieren: Wie war das mit dem Märchen? Es erzählt die Geschichte des Stuttgarter Schustergesellen Seppe, der auf Wanderschaft geht. Das Hutzelmännlein, ein Kobold, hat ihn ausgestattet mit magischen Schuhen und unerschöpflichem Proviant an Hutzelbrot. Seppes Mission: Finde das Klötzle Blei!

Das Märchen vollzieht viele Wendungen, führt über die Alb bis nach Ulm und zurück. Blaubeuren ist der Angelpunkt. Der dortige Quell gleicht farblich der blauen Blume, dem Symbol der Romantik. Dass der "große runde Kessel" eine "Wasserfrau mit langen fließenden Haaren" beherbergt hat: literatur-programmatisch lässt Mörike da nichts aus. Und was verbindet Lau- und Seppe-Story? Exakt: das Bleilot.

Eben dieses, das da in ein paar Metern Höhe baumelt? Wir stehen auf einer Straße, rechts Häuser, links blanker Fels, der aus jenem Berg, dem Rucken, herausschaut, vor Jahrmillionen von der Ur-Donau heute von Aach und Blau in einer Schleife umflossen. Auf einem rostigen Schild steht nüchtern "Klötzle Blei", darüber baumelt das Metall - in Prismen-, nicht Lot-Form. Und nicht, wie Mörike es beschreibt, "spannenlang, mit einem Öhr". Diesen Felsen haben die Blaubeurer einfach mal "Klötzle Blei" genannt. Mit Mörike hat das nichts zu tun.

Trotzdem lohnt der Weg. Direkt am Felsen führt ein Weg hinauf auf den Rucken, wo romantisch inszeniert eine Bank zum Verweilen einlädt. Klasse Aussicht! Runter in die Stadt und das Tal wie rauf auf die Alb-Höhen, wo im Südosten das Rusenschloss steht - die einzige noch weithin sichtbare der drei Ruinen rund um den Ort. Den Spazierweg den Rucken rauf und runter erzählt Dispan eine Sage, die auf den Burgen ringsum spielt. Es geht um einen einfachen Ritter, eine heiß geliebte Grafentochter, einen garstigen Herrn Papa, einen milden König. Am Ende auch hier: ein glückliches Ende - wie bei der Lau.

Kein Wunder hatte Mörike Blaubeuren ausgewählt. Gut 15 Jahre hat er am Buch gefeilt, 1853 erschien die erste Auflage - und es wurde ein Bestseller. "Das ist ein wunderbarer Ort für Romantiker", sagt Dispan. Der Autor sei dem "Zauber des Ortes" erlegen, der schon Steinzeitmenschen zu Kunst angeregt hat. Das zeige die Venus-Statue, die Forscher in der nahen Höhle Hohlefels gefunden haben.

Wir stehen im Blaubeurer Klosterhof vor einem Kellerabgang. In dem Bau hat es einen Brunnen gegeben - jener, aus dem die Lau beizeiten den Kopf herausstreckte? Ihr Gatte hatte sie ja wegen ihrer Kinderlosigkeit verbannt, die Schwermütige musste im Blautopf leben, bis sie fünf Mal herzhaft lachte. An diesem Brunnen traf sie die Klosterhof-Wirtin, die ihr diese Lacher entlockt.

Liegt im Keller die Lösung, gar das Blei? Das wollte auch Mörike-Fan Hermann Hesse in den 1920ern wissen - und ließ sich hinunter in den Keller führen. Allerdings fand der Autor, nur eine betonierte Fläche, wo einst der Brunnen war. Maximal unromantisch!

Zurück zum Anfang, dem Blautopf. Dort hinein hatte die Lau einst einen Hirtenjungen gezogen, der sich über die Wasserfrau lustig gemacht hatte. Statt aber in den Tiefen zu verfaulen, befreite er sich und griff sich aus den Schätzen der Lau blindlings irgendetwas. In Freiheit merkt er aber, dass es nur das Lot ist - und schmeißt es weg.

Das und der Zungenbrecher, der Lau später einen kostbaren Lacher entlockt, verknüpft Wasserfrau und Blei. Und Seppe? Er findet viele Jahre später das Senklot in einem Felsspalt. Es ist ein magisches Ding, das unsichtbar macht. Seppe bringt es dem Hutzelmännlein - und erhält dafür ein Happy End.

Mörike zufolge also ist alle Suche nach Blei in Blaubeuren vergebens. Aber war der Seppe nicht auch auf anderes aus? "Es geht im Märchen immer wieder um die Suche nach Glück", sagt Dispan. Da Blaubeuren schon einen Schusterjungen und eine Wasserfrau glücklich gemacht hat: Warum also nicht auch anderen (Be-)Sucher?

Pfarrer und Poet

Eduard Mörike (1804-1875) war Lyriker, Erzähler, Übersetzer. Durch den Brotberuf Pfarrer kam er in Württemberg rum, doch war er ihm leidige Pflicht. Am „Stuttgarter Hutzelmännlein“ hatte er zehn Jahre gearbeitet. Märchenform, Motivwahl, Dialekt – all das folgt dem Programm der Romantik – allerdings stets in gewisser humoristischer Distanz.

Reise in die Vergangenheit

Mit der Lau aus Mörikes „Stuttgarter Hutzelmännlein“ lässt sich Blaubeuren entdecken. Die Kostüm-Führung „Wie die schöne Lau das Lachen lernte. . .“ entführt für 45 Minuten in die Märchenwelt (www.blaubeuren.de; Telefon 0 73 44 / 96 69 90). Auf eigene Faust kann man den Felsen „Klötzle Blei“ (Ulmer Straße) samt dem dazugehörigen Umlaufberg, dem Rucken, besuchen. Wer das mit einem Spaziergang durchs Blautal über das Rusenschloss verbinden will, erhält in der Tourist Information Routentipps. Mörikes Märchen gibt es auch gelesen von Kabarettist Bernd Kohlhepp als Hörbuch. Die Lau-Historie hat Daniela Drescher in einem Bilderbuch liebevoll illustriert.